Der Lohn der Gewahrsamkeit liegt in sich selbst und in nichts anderem. Es wurde bereits mehrfach davon gesprochen, daß es kein Ziel zu erreichen gibt. Unter diesem Gesichtspunkt kann man falsche Einflüsse von richtigen unterscheiden, oder die übliche, ich-gerichtete Perspektive von der wirklichkeitsgetreuen, echten Perspektive.
Im ersten Fall wird versucht, so etwas wie einen neuen Zustand zu erreichen, nennen wir das einmal „Erleuchtung“. Dazu wird geübt, gearbeitet, sich bemüht.
Diese Orientierung kommt aus dem Verstand, aus dem Ego, zwingt sich etwas auf, verstößt gegen eigene tiefere Wünsche, Sehnsüchte und Motive. Man will sich verbessern, sich ändern, jemand Besonderer werden usw.
Im zweiten Fall liegt der Lohn in der Erkenntnis selbst (als Selbsterkenntnis, als Präsenz), also in der Erfahrung des Hier und Jetzt. Es gibt kein weiteres äußeres oder außen zu erreichendes Resultat.
Es passiert das, was einer wirklich will, und zwar im Moment. Immer nur im Moment!
Im zweiten Fall ist der bloße Kontakt mit einem Arrangement von ehrlicher Begegnung bereits eine Gratifikation, weil das unmittelbar Kontakt mit sich selbst bedeutet. Es wird hiervon, von diesem Zustand des Kontaktes ausgegangen, anstatt zu etwas neu zu Erreichendem zu streben, wohin zu gelangen einem irgendwelche Mittler (Therapeuten, Lehrer, Gemeinschaften usw.) versprechen. Es kann keine Investition in irgendeine „Zukunft“ oder in zukünftig zu erlangende Resultate geben.
Der wichtigte Punkt bei der Gewahrsamkeit ist nicht, daß sie durch Bemühung neu zu erlangen wäre, sondern Gewahrsamkeit ist bereits ständig da — worum es geht, ist, sie ertragen zu lernen, also: sie zuzulassen, statt sie immer wieder von sich zu weisen.
Wenn es um diese Art Gewahrsamkeit bzw. Verständnis von Gewahrsamkeit geht, dann ist das kein heroisches Projekt von Wille oder Selbstaufopferung (also der Gipfel eines Strebens nach egozentrischer „Selbstverwirklichung“, also Selbst-Erhöhung). Sondern es ist so etwas wie eine Liebesgeschichte mit dem Sein.
Daher auch die Wortprägung "Reines Sein"! Es ist Zulassen, Loslassen, Willkommen-Heißen. Dabei wird das Ego (also das falsche Selbstbild als getrennt existierendes Ich) geopfert — was aber nichts anderes bedeutet, als daß erkannt wird, daß es gar nie existierte.
Deshalb kann auch die Bewußtwerdung keine Frage der sturen, typisch deutschen Pflichterfüllung oder Arbeitsleistung sein, sondern es ist auf eine ganz andere Weise eine Liebesgeschichte — man könnte auch sagen: eine Liebesgeschichte mit sich selbst, mit dem Selbst (unpersönlich gemeint), oder: mit Wahrheit.
Die zweite Option verlangt aber auch einiges mehr als nur „im Hier und Jetzt zu sein“ und alles auf die bequeme, passive Art „zuzulassen“. Sie verlangt, die Trägheit zu überwinden, Mut zu zeigen und sich ins Leben einzubringen. Alles das jetzt zu fühlen und zuzulassen, was da ist — also sich mit der Wahrheit des eigenen Seins zu konfrontieren.
Jetzt. Hier. Hier + heute.
Das heißt, sich die wirklich wichtigen Fragen zu stellen. Das ist die eigentliche Leistung und „Arbeit“. Wenn das riskiert wird, dann braucht man sich nicht zu irgend etwas zu nötigen, sondern kann mit Freude und in Harmonie mit dem Ganzen seinen Weg gehen. Dann ist alles, was passiert, keine selbstauferlegte, ungeliebte Pflicht, sondern etwas Beglückendes. Aber ohne den Schritt des Sich-Konfrontierens kann dieser Weg nicht gesehen werden, und dann kann er auch nicht gegangen werden.
Die Pflicht ist dann ein widerlicher, minderwertiger Ersatz und eine zweifache Lüge: erst einmal belügt man sich darüber, was man ist und will, und dann belügt man sich, man könne dem nicht folgen bzw. das würde es gar nicht geben, also müsse man sich sein Leben lang zu etwas anderem zwingen.
Ist das nicht grausam, ein fürchterlicher Selbstverrat? Und es interessiert noch nicht einmal irgend jemanden — weil man selbst allein derjenige ist, der das auszubaden hat, nicht irgendein anderer.
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