Sonntag, 22. Februar 2009

Nur ein Weg

Aus dem Hagakure:

Es ist schlecht, wenn aus einer Sache zwei werden. Auf dem Weg des Samurai sollte man nach nichts anderem Ausschau halten. Das gilt für alles, was sich Weg nennt. Daher ist es unbeständig, wenn man etwas vom Weg des Konfuzius oder vom Weg des Buddha hört und dann sagt, das sei auch der Weg des Samurai. Bei richtigem Verständnis kann einer von allen Wegen hören und dennoch mehr und mehr in Übereinstimmung mit seinem Weg sein.

Gemeint ist hier die scheinbare Freiheit der Wahl (insbesondere was wesentliche Orientierungen im Leben betrifft), wie sie das heutige selbstbetrügerische Modedenken vertritt. So als könnte man sich aus einer bunten Palette von Angeboten das jeweils Genehme heraussuchen. Natürlich kommt dabei nie und nimmer so etwas wie ein Weg mit Herz zustande. Der bloße Gedanke der Wahl ist schon absurd, weil er Nicht-Hingabe an das, was ist, bedeutet und damit das scheinhafte Ich anstelle der tieferliegenden Wahrheit in den Vordergrund stellt.

Je freier solche Menschen zu sein meinen, desto unfreier sind sie — sie sind nur noch Spielball ihrer persönlichen Willkür, ihrer Wünsche, Süchte und Fantasien. Sufis stellen dem die "Freiheit von der Wahl" gegenüber: nur wer merkt, wie er sich mit seiner angeblichen Entscheidungsfreiheit betrogen hat, erhält die Chance, wirklich frei zu sein, frei zur Wahrheit des Jetzt. Der Weg des Herzens ist immer unbedingt.

Im Textabschnitt ist auch angesprochen, daß derjenige, der in seiner Situation vollverantwortlich ist und daher tiefer geht, im selben Moment auch die Essenz anderer "Wege", egal, in welcher Form sie auch in Erscheinung treten mögen, besser versteht. Er versteht sie nun von innen heraus, aus der Bedeutung ihres Ursprungs heraus.

Das beste ist, gar keinen Weg zu wählen. Der einzig echte Weg ist nichts Übernommenes mehr, sondern eine Rückkehr in den eigenen Ursprung. Die Idee des Wählens und Sich-Entscheidens ist dort völlig ausgelöscht.

Dienstag, 17. Februar 2009

Die Frage nach der wahren Bedeutung

Aus dem Hagakure:

Obwohl man davon ausgehen sollte, daß ein Samurai sich des Weges des Samurai bewußt ist, scheint es so zu sein, daß wir alle nachlässig sind. Denn auf die Frage: "Was ist die wahre Bedeutung des Weges des Samurai?" können nur sehr wenige ohne zu zögern antworten. Das kommt daher, weil es einem nicht klar genug ist. Daraus ist ersichtlich, wann einer sich des Weges nicht bewußt ist.

Nachlässigkeit ist eine schlechte Sache.

Dies entspricht dem Ansatz des Koan: nicht mit dem Verstand auf eine Frage (oder sonstige Situation) zu antworten, sondern mit dem ganzen Sein. Obige Frage wirkt genau so, und daher offenbart sie auch unmittelbar die Fähigkeit, mit dem ganzen Sein (und einem diesem Sein entsprechenden Verständnis) zu antworten.

Was ist dein Weg? Was tust du? Wie lebst du? — Einfache und direkte Fragen. Bist du dir vollständig darüber klar, was du tust, wie du lebst, in welchem Kontext das steht? Wenn ja, gibt es eine Antwort. Es ist ein Test.

Und es gibt immer nur eine richtige Antwort.

Noch etwas: Wenn die Sache einem klar ist, ist es sehr einfach, zu antworten. Die Antwort kommt direkt aus der Tiefe dieser Klarheit. Wenn sie einem aber nicht klar ist — wie kann man sich dann davon abwenden, ohne solange nachzuforschen und dem Thema auf den Grund zu gehen, bis das geklärt ist? Kann es dann überhaupt noch etwas Wichtigeres geben?

Sonntag, 24. August 2008

Das Wahre Licht

Der große Meister Chosa Shoken sagte einst zu seinen Schülern:
"Die ganze Welt spiegelt sich im Auge eines Mönches wider, die ganze Welt ist in einem Alltagsgespräch enthalten, die ganze Welt ist überall in deinem Körper, die ganze Welt ist dein eigenes Wahres Licht, die ganze Welt ist in deinem Wahren Licht, und die ganze Welt kann nicht von dir getrennt werden."
Jeder, der den Buddha-Weg sucht, sollte nicht müde werden, diese Rede fleißig zu studieren. Wenn sie dies tun, werden einige Zen-Schüler das Wahre Licht der Erleuchtung erlangen.

Vielleicht nützt es, sich klarzumachen, daß auch jeder nach bisherigem Gutdünken völlig unwichtige Mist, jede noch so lästige und als störend empfundene Kleinigkeit ebenfalls mit dazugehört. Man kann versuchen, etwas zu trennen (abzustoßen, auszublenden, nach außen auf andere zu projizieren, andere verantwortlich zu machen und immer wieder versuchen, wegzuschauen), aber es wird einem niemals gelingen. Der Versuch des Abtrennens schafft nur Leiden. Dem eigenen Leben kann man ja wohl schlecht aus dem Weg gehen, oder?

Um das Wahre Licht zu finden, reicht es also, einfach alles dort zu lassen, wo es ist, und keine Unterschiede mehr zu machen. Dann findet sich das Wahre Licht noch im Kleinsten und Unbedeutendsten. Eben einfach überall.

Sonntag, 24. August 2008

Das Wahre Licht

Der große Meister Chosa Shoken sagte einst zu seinen Schülern:
"Die ganze Welt spiegelt sich im Auge eines Mönches wider, die ganze Welt ist in einem Alltagsgespräch enthalten, die ganze Welt ist überall in deinem Körper, die ganze Welt ist dein eigenes Wahres Licht, die ganze Welt ist in deinem Wahren Licht, und die ganze Welt kann nicht von dir getrennt werden."
Jeder, der den Buddha-Weg sucht, sollte nicht müde werden, diese Rede fleißig zu studieren. Wenn sie dies tun, werden einige Zen-Schüler das Wahre Licht der Erleuchtung erlangen.

Vielleicht nützt es, sich klarzumachen, daß auch jeder nach bisherigem Gutdünken völlig unwichtige Mist, jede noch so lästige und als störend empfundene Kleinigkeit ebenfalls mit dazugehört. Man kann versuchen, etwas zu trennen (abzustoßen, auszublenden, nach außen auf andere zu projizieren, andere verantwortlich zu machen und immer wieder versuchen, wegzuschauen), aber es wird einem niemals gelingen. Der Versuch des Abtrennens schafft nur Leiden. Dem eigenen Leben kann man ja wohl schlecht aus dem Weg gehen, oder?

Um das Wahre Licht zu finden, reicht es also, einfach alles dort zu lassen, wo es ist, und keine Unterschiede mehr zu machen. Dann findet sich das Wahre Licht noch im Kleinsten und Unbedeutendsten. Eben einfach überall.

Sonntag, 24. August 2008

Sein-Zeit

Auch wenn du einen falschen Schritt machst oder zeitweise deinen Weg verfehlst, so bist du doch in Sein-Zeit gewurzelt, weil du vor- und nachdem du deinen Weg verloren hast, natürlich innerhalb von Sein-Zeit bist. Jedes lebende Ding wurzelt im reinen, ursprünglichen Sein. Denke jedoch nicht, daß das Sein ein fester Begriff ist; das Sein umfaßt alle zeitweiligen Fehltritte. Die meisten Menschen denken, daß die Zeit vergeht, und sie erkennen nicht, daß es einen Zustand gibt, der nicht vergeht. Dies zu erkennen heißt das Sein zu verstehen; dies nicht erkennen, ist ebenfalls Sein.

Die Distanzierung von einem unerwünschten, als negativ bewerteten Zustand entfernt aus der Gegenwart. Aber nur die Gegenwart ist wirklich, und nur sie, die Gegenwart, umfaßt alles, was es gibt (einschließlich der Distanzierungen von ihr, einschließlich Rückgriffe zu Erinnerungen und Träumereien, die in die Zukunft reichen, also einschließlich aller Fluchtbewegungen aus der Gegenwart hinaus). Es kann nichts anderes geben.

Der entscheidende Irrtum geschieht immer da, wo Zeit ins Spiel gebracht wird; von dort an erstreckt sich die Domäne des Verstandes, und alles, was dort (bezüglich des inneren Bereichs) unternommen wird, ist falsch und kann immer nur noch falscher werden.

Es geht also nicht um das Erreichen "anderer" Zustände und Befindlichkeiten, sondern nur darum, die Qualität des aktuellen Zustands nicht durch Distanzierungsversuche zu überlagern und damit zu verfälschen. Deshalb ist Erleuchtung ein Zurückfallen in die absolut lächerliche Simplizität des schon vorhandenen (und nie verlierbaren) Moments — ganz gleich, wie dieser Moment auch immer aussehen oder sich anfühlen mag, gut oder schlecht, angenehm oder widerlich, beglückend oder grauenvoll.

Die Suche nach dem Moment ist zwar ebenfalls im Moment enthalten, aber als solche ein Verpassen des Moments. Die Suche bringt Zeit ins Spiel, eine zu überwindende Kluft, ein zu erlangendes Ziel — all das erschafft Zeit, Denken und somit Verstandestäuschung. Um den Moment, der ohnehin immer da ist, zu erreichen, sind keine besonderen Charakterqualitäten vonnöten (der "erleuchtete" Mensch, der Weise, der Wissende, der Gütige; der, der nie wütend oder ärgerlich wird; der, der immer liebevoll ist; der, der alles versteht usw.). Es reicht, sich klarzumachen, daß es gar nicht möglich ist, den Moment der Gegenwart zu verlieren.

Sonntag, 17. August 2008

Dogen Zenji

Suche von Anfang an niemals den Buddha-Weg, um dafür das Lob anderer zu erhalten; gib den Wunsch nach Ruhm und Glück auf. Weihe dich ganz der Übung des Buddha-Weges. Erwarte nichts, weder Ruhm noch Glück, weder Anerkennung von Königen und Ministern, noch irgend etwas von Buddha. (...)

Ein Suchender nach dem Buddha-Weg sollte niemals Ehre oder Wohlstand, weder von Menschen noch von Göttern erwarten, weil solche Dinge zu Fesseln werden. Narren freuen sich, wenn sie an den Wohlstand denken, den sie zu erhalten hoffen. Sie verstehen die Wirkungen der Buddha-Lehre falsch und vergessen ihren Buddha-suchenden Geist und ihre wirkliche Bestimmung. Wenn Könige und Minister einen starken Glauben an ihre Lehren haben, meinen solche närrischen Mönche, daß sie den Buddha-Weg erfüllt haben.

Mit einfachen, klaren Worten ist hier der Unterschied beschrieben, auf den allein es ankommt. Was sind die Prioritäten im eigenen Leben? Da ist auf der einen Seite das Alltagsleben mit seinen Freuden und Sorgen: von anderen geliebt werden, mehr Geld, mehr Sicherheit, mehr Besitz, mehr Kontrolle, mehr Vergnügen. Und auf der anderen Seite der "Buddha-Weg" (nicht zu verwechseln mit dem, was heute unter Buddhismus, buddhistischer Weltanschauung, Leben und/oder Denken als Buddhist verstanden wird). Der Unterschied liegt einfach im Verständnis. Wer meint, die Werte des Alltagslebens wirklich durchsetzen zu können, sich hier wirklich etwas schnappen und sichern und festhalten zu können, und sei es wenigstens für eine Zeit bis zum Tod, der kann auch den "Buddha-Weg" nicht als Alternative wählen, als neue interessante Variante und mehr oder weniger als Freizeitbeschäftigung oder Modeideologie. Sondern erst wenn verstanden, durch und durch verstanden worden ist, daß es in diesem Alltag gar nichts "zu holen" gibt, daß die immergleichen Denkmuster gar nicht wirklich funktionieren, sondern nur eine besonders raffinierte Form des Selbstbetrugs darstellen — daß es dort also immer nur darum geht, sich über die tatsächliche eigene Situation etwas vorzugaukeln (freilich in beruhigender Eintracht mit Milliarden von anderen Selbstbetrügern) —, erst dann geschieht die Heimkehr zur Wahrheitssuche. Hier "Buddha-Weg" genannt; wer mag, kann auch Sufi-Weg oder Schamanenweg oder Vierter Weg dazu sagen. Weil klar wird, daß es gar nichts anderes Reales mehr für einen gibt.

Der Nutzen von obiger Erklärung des Dogen Zenji ist aber auch, sich wieder neu klarmachen zu können, wo eben doch wieder die falschen Ziele hereingeraten sind und wo man sich wieder vergessen und verzettelt hat, ohne es zu merken.


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