Samstag, 29. März 2008

Das Handeln der Meister

Die Meister, im Bemühen, andere zu ihrem eigentlichen Selbst, also zur Wahrheit und zur Buddhaschaft zu führen, greifen zu Behelfen jeder Art. Dabei sind sie sich doch des inneren Widerspruches wohl bewußt, der darin liegt, dem anderen etwas zeigen zu wollen, was er selber in sich hat und auch nur selber finden kann. Sie können aber nicht wohl anders handeln. Die Not der Menschen, die ja selbst im Widerspruch zu ihrer innersten Wahrheit stehen, drängt sie, wie den Arzt, bald zu diesem, bald zu jenem Eingriff. Das mag vom Höchsten, Letzten her gesehen sinnlos und überflüssig erscheinen, entspricht jedoch den Umständen, wie Zeit und Anlaß sie ergeben. Es ist ein Handeln nach der Forderung des Augenblicks. Es greift aus der reinen Höhe in das Irdische herab, ist niederwärts gerichtet, aber nur, um in die Niederung das Licht der ewigen Wahrheit hereinzutragen.

Im Gegensatz zu dieser auf das Menschliche mild eingehenden Art des Wirkens steht die andere, welche ohne Rücksicht steil empor ins Unbedingte stößt, weil es ja eben darum geht, dorthin den Weg zu finden. Mit dieser Richtung überwärts ist es den Meistern bitterer Ernst, und unermüdlich sind sie darauf aus, dem Menschen alles aus der Hand zu reißen, woran er sich klammern möchte, damit er einmal nackt und bloß im leeren Raum allein sich selber finde und endlich darauf komme, wo er eigentlich hingehört. Aber weiter als in diese Einöde kann auch der Meister keinen führen. Daß ihm gerade in der äußersten Entfernung er selbst und diese ganze große, bunte Welt am nächsten ist, das muß jeder selber merken, und er wird es auch.

Zwischen diese beide Pole in Richtung überwärts und niederwärts ist alles Leben eingespannt. Leben ist nur da, wo die Bewegung ständig hin und her geht. Sich in einer Richtung, sei es niederwärts oder überwärts, zu verlieren, führt zu tödlicher Erstarrung. Man kann im Weltsinn tot sein und ebenso in weltverachtender Verstiegenheit. Es ist das Geheimnis der Meister, einen inneren Standpunkt zu besitzen, der von dem einen Abweg gleich entfernt ist wie von dem anderen.

Die Suche nach Wahrheit beginnt mit dem, was im zweiten Absatz beschrieben ist. Der Weg ins Nichts, in die Vernichtung aller falschen Vorstellungen des Verstandes, zu denen auch die Vorstellung von sich selbst als einer getrennten Wesenheit (genannt "Ich" oder "Selbst") gehört, ist hier unverzichtbar. Jegliche Anhaftung an Konzepten, zu denen nicht nur geistige Konstrukte, sondern auch alle Empfindungen und Emotionen gehören, einschließlich aller damit einhergehenden "Geschichten" und Dramen, muß als das erkannt werden, was sie ist: Ablenkung vom Wesentlichen, Fixierung an äußeren Projektionen, Selbstverrat. Dieses Nichts oder 'Nirvana' ist aber kein schreckliches Vakuum, sondern auf die Desillusionierung der Illusionen folgt die Entdeckung der unschuldigen und unverfälschten Wirklichkeit: die "große, bunte Welt" ist nichts anderes als die Reflexion des Subjekts im Objekt, des Betrachters im betrachteten Gegenstand. Entfremdung kann hier nicht nur nicht stattfinden, sondern was vorher, im Gieren nach glücklichen Erlebnissen und "neuen" Erfahrungen, geschehen war, das entpuppt sich nun als die eigentliche Entfremdung und als Irrweg, der nirgendwohin führte.

Diese im zweiten Absatz angedeutete Wahrheitsfindung führt zur Erfahrung der Nichtdualität (Advaita). Das Interessante aber ist, inwieweit der erste und dritte Absatz darüber hinausführen. In Advaita, der Nichtdualität zu verharren, also nur die Richtung überwärts beizubehalten und sie für die einzig richtige Antwort zu nehmen, bedeutet Stagnation und sogar Lebensfeindlichkeit. Das Leben wird als hohle Täuschung verachtet und abgelehnt. Es findet jetzt nur nach ein Warten auf den Tod statt, oder man erzählt sich und anderen, es bleibe jetzt nur noch, sich möglichst gut zu unterhalten. "Wen kümmert's?" — der Titel dieses Buches von Ramesh Balsekar bringt die entsprechende Einstellung bündig auf den Punkt. Es ist ja sowieso alles egal, dann kann man auch machen, was man will, also macht man sich seinen Spaß und läßt im übrigen die Zeit verstreichen.

Wer sich damit gut fühlt und weiß, daß es sein Weg ist, der ist kein Meister, selbst wenn er sich als solcher bezeichnen läßt. Er wird mit der Absurdität des "Helfen-Wollens" argumentieren, wie es im ersten Absatz aufgezeigt ist. Man könne nicht helfen, weil ohnehin keiner etwas tun könne, denn alles laufe ohnehin schicksalhaft ab, und damit sei er ja nun im Einklang. Außerdem seien alle Seelen frei und damit nur ihrer eigenen inneren Notwendigkeit und ihrem eigenen Streben unterworfen; sie beeinflussen oder gar schulen zu wollen, sei schon aus grundsätzlichen Erwägungen heraus ein Ding der Unmöglichkeit; das laufe darauf hinaus, sinnlos gegen eine Wand zu rennen und davon unverrichteter Dinge zurückzuprallen. Ja, man richte damit sogar Schaden an, weil man eingreifen wolle, wo erst gar nicht eingegriffen werden dürfe. Die Wahrheit sei in jedem bereits vorhanden, und so könne sie auch jeder selbst in sich entdecken; er bräuchte ja nur er selbst zu sein und sich selbst zu folgen.

Bemerkenswerterweise unterstellt diese Ansicht, daß die Menschen allesamt schon mit sich selbst eins wären, ja, daß sie sich sogar so fühlten. Offenkundig ist das aber keineswegs der Fall. Also wird die Argumentation derart abgewandelt, daß auch die Verwirrung und Zerstreutheit, das Leiden unter den Auswüchsen der Ich-Illusion, das Projizieren eigener Unklarheiten nach außen, das Hegen von Ressentiments und quälenden Wünschen und Begierden, also die tatsächliche Diskrepanz zwischen Sein und Wollen, zwischen Denken und Wirklichkeit, daß alles das bloß Ausdruck der Nichtdualität selbst sei: eine unüberwindliche Seite ihrer äußeren Erscheinung. Das gehöre nun mal mit dazu und bleibe auf ewig unlösbar. Selbst wer sich selbst gefunden und erkannt habe, werde dem weiter ausgeliefert bleiben. Unser obiger Text bezeichnet dieses Denken als "tödliche Erstarrung", und das ist es auch, so sehr es auch mit fundamentalem Wissen durchtränkt ist. Es verharrt am Endpunkt der Ablehnung und hat einen Beigeschmack von Ekel, Bedauern und Vergeblichkeit.

Unser Text verweist hingegen auf eine andere Möglichkeit: Das "Licht der ewigen Wahrheit" gehört nicht nur in höhere Sphären, sondern gerade im niederwärtigen Bereich wird es gebraucht. Es ist dort auch schon vorhanden, aber verdeckt und unerkannt, besonders von der Allgemeinheit und von den Suchenden. Meister ist derjenige, der nicht nur aus eigener Erfahrung weiß, was Nichtdualität ist und bedeutet, sondern der in diesem niederen Bereich, im kleinsten und vielleicht auch schmutzigsten Winkel des Alltäglichen den Zugang zu diesem Licht aufzeigen kann. Nicht um diese Welt grundlegend zu ändern, denn darin besteht nicht das universelle Spiel der Existenz, sondern um das geschehen zu lassen, was geschehen will und geschehen kann, wenn Bedauern, Entmutigung, Erstarrung und Bitterkeit überwunden werden. Genau das ist nämlich die Forderung des Augenblicks. Es gibt immer eine Lösung; es gibt immer eine Antwort. Die Antwort liegt im Überzeitlichen; die Lösung liegt stets im Jetzt.

Sonntag, 16. März 2008

Bodhidharma

Wu-Di von Liang fragte den Großmeister Bodhidharma: Welches ist der höchste Sinn der Heiligen Wahrheit?
Bodhidharma sagte: Offene Weite — nichts von heilig.
Der Kaiser fragte weiter: Wer ist das Uns gegenüber?
Bodhidharma erwiderte: Ich weiß es nicht.
Der Kaiser konnte sich nicht in ihm finden.
Bodhidharma setzte dann über den Strom und kam nach We.
Später wandte sich der Kaiser an den Edlen Bau-Dschi und befragte ihn.
Der Edle Bau-Dschi sagte: Aber Eure Majestät wissen doch wohl, wer das ist? Oder nicht?
Der Kaiser erwiderte: Ich weiß es nicht.
Da sagte der Edle Bau-Dschi: Das ist der große Held Avalokiteshvara, der das Siegel des Buddhageistes weitergibt.
Da reute es den Kaiser, und schließlich sandte er einen Boten ab, um Bodhidharma zurückzubitten.
Der Edle Bau-Dschi aber riet: Sagen Eure Majestät es lieber niemand, daß Sie einen Boten schicken wollten, ihn zurückzuholen! Dem könnte das ganze Land nachlaufen: er kehrte doch nicht wieder um.

Natürlich — worin sollte denn sonst eine echte Religion bestehen, als im Aufgeben aller dem Sein künstlich aufgepfropften mentalen Konzepte und in der Rückkehr zu dem, was 'ist'? Könnte es denn überhaupt eine andere Antwort, eine andere Form von Weisheit und Erkenntnis geben? Und zeigt sich das Sein nicht stets als das, was es in diesem aktuellen, jeweils neuen, jeweils anderen, und doch immer gleichen und seiner tieferen Natur nach unveränderlichen Moment sein könnte, ganz gleich, mit welchen äußeren Attributen die Erfahrung dieses Moments auch behaftet sein möge?

Das sogenannte "Heilige", das ist das Aufgepfropfte und Übergestülpte der falschen Religionen, der Form-, Regel- und Dogmenreligionen, der Religionen der Kirchen und ihrer Statthalter und Funktionäre, sowie der Ersatzkirchen und Reform- und Modeideologien, egal, wie sie sich nennen. Man muß die Vertreter solcher Lehren doch als allererstes als Lügen- und Verräterpack erkennen, so wie Jesus das tat und alle anderen mit der Wahrheit des Moments Verbundenen, die sich nicht um Anstand und Gepflogenheit kümmerten, sondern alles, was vom eigentlichen Kern ablenkte, radikal abtaten. Der Kern ist die Wirklichkeit, nicht die Lehre von der Wirklichkeit und auch nicht die Lehre, wie auf irgendwelchen "Wegen" zu dieser Wirklichkeit "zurückzukehren" sei.

Der Kaiser konnte das nicht verstehen, weil er exakt in die umgekehrte Richtung schaute. Er hätte andernfalls in dem Moment, wo er diese Antwort hörte, alles aufgeben müssen, und nicht nur seine bisherigen Anschauungen von Wahrheit, Heiligkeit und Erkenntnis, sondern von sich selbst, von seiner eigenen eingebildeten Identität einschließlich der Identifizierung mit seiner Rolle als Würdenträger und Person.

Hier begegnen sich zwei Welten: die Welt des Scheins und die des Seins, und die Welt des Scheins bleibt ratlos und konfus zurück. Erst wenn dem Kaiser gesagt wird, daß sein Gegenüber von Bedeutung und Wert sei (selbst wäre er nicht darauf gekommen), reut es ihn. Wenigstens spricht das für ihn. Unsere heutigen Politiker hätten nicht solches Kaliber. Aber man kann einem Bodhidharma nichts mehr geben, weder Anerkennung noch Berühmtheit. Er ist weder erpreßbar noch käuflich. Er herrscht in seinem eigenen Reich, und dieses Reich umfaßt den gesamten Kosmos, und sogar noch mehr.

Ist es nicht interessant, daß heute mindestens dasselbe gilt wie in der Geschichte? An einer echten Religion besteht nicht das mindeste Interesse. Meine Seite Neue Religion steht seit mehr als 8 Jahren im Web; hineinschauen tut praktisch niemand, und die hineinschauen, mißverstehen fast alles, worum es dort überhaupt geht. Sie suchen immer "etwas" (etwas Neues, etwas, das ihnen das Leben leichter macht, das sie tröstet, sie beglückt, sie "befriedigt"), aber daß das Loslassen von dieser falschen Orientierung Religion sein könnte, und daß es überhaupt nur die einzige Möglichkeit ist, zu "sich selbst" zu finden und wieder eins mit der Wirklichkeit und der Wahrheit zu werden (Wortbedeutung: "re-ligio", verbinde wieder [mit der Einheit und Ganzheit]), will keinem in den Schädel.

Montag, 10. März 2008

Der Scheinwiderspruch

Bald sind wir dem Sein verhaftet, bald dem Nichtsein. Der Welt und ihrer Lust nachlaufen, am eigenen Ich und Hab und Gut zu hängen, in Haß und Streit sich zu verzehren, das heißt: dem Sein verfallen. Die Menschen und ihr Tun verachten, sich von der Welt abschließen, im Nichts, im Leeren sich verrennen, das heißt: dem Nichtsein verfallen. Der eine Abweg führt ins Niedere, der andere über die Wolken. Der Weg des echten Buddhajüngers, des Bodhisattva, führt gleichzeitig überwärts und niederwärts, gleichzeitig niederwärts und überwärts.

"Die Menschen begehren nur alle hinaus aus dem gewöhnlichen Lauf."

Wodurch der Widerstand entsteht und damit das Problem, das dann in der falschen Richtung nach Erlösung sucht.

Dienstag, 8. Januar 2008

Eine Welt nur aus dem Verstand

Wie das alltagsübliche Weltbild und Denken allein aus künstlichen Vorstellungen eine eigene Welt mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und Wirklichkeiten erschaffen kann, zeigte sich für mich bei der sogenannten "Silvester-Feier". Dieser Moment, an dem das "neue Jahr beginnt", ist genauso ein Moment wie jeder andere. Tatsächlich geschieht da überhaupt nichts, sondern alles, was bei diesen Menschen geschieht, geschieht in ihrem Verstand. Das bestätigt man sich dann gegenseitig, wodurch es noch mehr den Anschein von Realität annimmt. Es gibt einen Riesenzirkus, es wird gefeiert, getrunken, man freut sich. Fast keiner kann sich dem entziehen. Es ist wirklich hochinteressant, diesen Mechanismus am Werk zu sehen.

Es ist übrigens immer genau derselbe Mechanismus. In der (Pseudo-)Politik, im Sport, in der Moral, in der (Pseudo-)Religion. Die Massen bewegen sich danach im Takt. Der einzelne Mensch vermag sich dem nicht zu entziehen; die Hypnose reißt ihn mit sich; er wird zum Rädchen im Getriebe. Wer aus dem Ablauf herausfällt, bekommt seelische Krisen, wird depressiv, beginnt sich für einen krankhaften Fall zu halten. Zu allem Überfluß wird heutzutage allen — besonders den Kindern — eingeredet, die Freiheit nähme immer mehr zu, das Individuum würde immer mündiger und selbständiger, selbstbestimmter, eigenständiger. Ich sehe hier keinen Unterschied zur massenhaften Dummheit aller Zeitalter, zur lemminghaften blinden Unterwerfung unter jegliche Diktatur. Wenn Menschen derart in einer Scheinwelt leben, müssen sie auch die Konsequenzen tragen. Und es ist sogar gut, wenn diese Scheinwelt zusammenbricht, und sei es durch Gewalt, durch Krieg, Krankheit, Tod.

Früher oder später erwischt jeden dieser Moment. Nur schlecht für ihn, wenn er dann merken muß, daß er sich vorher lebenslang selbst betrogen hat. Denn verantwortlich sind nicht die anderen. Nur weil die Masse so denkt, ist noch lange nicht jeder gezwungen, das auch selbst so zu tun. Und wer sich früh genug abkoppelt, wird nicht depressiv und einsam, sondern entdeckt die Welt erst richtig und in aller Frische. Es ist, wie wenn man der einzige wäre, der es schafft, auf eigenen Beinen zu stehen und mit eigenen Augen zu schauen.

Dienstag, 18. Dezember 2007

Dschuang Dsi: Rückkehr zur eigenen inneren Natur

Wenn einmal die ganze Kultur auf Erden ausgerottet ist, dann erst kann man mit den Leuten vernünftig reden.

Das ist das genaue Gegenteil von dem, was allen Menschen eingetrichtert wird und was diese dann wiederum ihren Mitmenschen eintrichtern, und zwar pausenlos und ohne jemals noch daran Zweifel zu hegen. Die Kultur wird als Retter der Menschheit hingestellt, und wenn sie es jetzt noch nicht geschafft hat, dann stehe dieser Moment in nächster Zukunft ganz sicher bevor. (Nur daß diese Moment nie kommt, weil er nämlich immer nur "bevorstehen" wird.)

Was ist aber hier der zugrundeliegende Mechanismus des Denkens und Reagierens, was der fundamentale Irrtum das Ganzen?

Wenn einmal der Wandel eurer Tugendhelden beseitigt wird und der Mund eurer Sophisten mit der Zange zugeklemmt wird und man die Liebe und Pflicht in weitem Bogen fortschleudert, dann erst kommt das LEBEN der Welt in Übereinstimmung. Wenn erst die Leute sich auf ihr eigenes Augenlicht verlassen, so gibt's auf der Welt keine Verstrickungen mehr. Wenn die Leute sich erst auf ihr eigenes Wissen verlassen, so gibt's auf der Welt keine Zweifel mehr. Wenn die Leute sich erst auf ihr eigenes LEBEN verlassen, so gibt's auf der Welt keine Unnatur mehr. Alle jene Kulturträger aber suchen ihr LEBEN in etwas Äußerlichem und verwirren durch ihren gleißenden Schein die Welt. Das sind Wege, bei denen nichts herauskommt.

Dieser Moment der Rückkehr zur wahren Natur wird so nie kommen. Nicht im Maßstab einer großen Gesellschaft, denn diese Gesellschaft wird immer dasselbe tun. Man muß selbst dahinterkommen, was gespielt wird, und den Zusammenhang richtig verstehen. Dann koppelt man sich vom allgemeinen Wahnsinn still und leise ab.

Was die Gesamtheit einer Gesellschaft angeht, so geht diese immer ihren zwangsläufigen Gang. Die dortigen Dinge werden durch vom Verstand ausgedachte Konzeptionen nicht besser, sondern immer nur komplizierter und verworrener. Alles ist gut so, wie es ist, weil es dann in natürlicher Harmonie ist, aber diese Harmonie erkennt das kultivierende und besser-machen-wollende Denken nicht als Harmonie, weil es nicht seiner Idealvorstellung genügt, sondern in einer ausbalancierten Komplementärität von Angenehm und Leidvoll schwingt. Also wird versucht, es zu korrigieren, und dadurch wird die Harmonie endgültig zerstört. Das Ende all dessen ist der Zusammenbruch dieser Vorgehensweise, die sich früher oder später selbst zugrunde richtet. Erst dadurch wird dann die Harmonie, jenseits des menschlichen Verstandesdenkens, wiederhergestellt — sozusagen gezwungenermaßen und gegen den Willen der Verwirrten.

Mittwoch, 5. Dezember 2007

Dschuang Dsi

Der Herzog Huan las in einem Band oben im Saal. Der Wagner Flach machte ein Rad unten im Hof. Er legte Hammer und Meißel beiseite, stieg hinan, befragte den Herzog Huan und sprach: "Darf ich fragen, was das für Worte sind, die Eure Hoheit lesen?"
Der Herzog sprach: "Es sind der Heiligen Worte."
Jener sprach: "Leben denn die Heiligen noch?"
Der Herzog sprach: "Sie sind schon lange tot."
Jener sprach: "Dann sind also das, was Eure Hoheit lesen, nur Abfall und Hefe der Männer der alten Zeit?"
Der Herzog Huan sprach: "Was Wir lesen, wie darf ein Wagner das kritisieren? Wenn du etwas zu sagen hast, so mag es hingehen; wenn du nichts zu sagen hast, so mußt du sterben."
Der Wagner Flach sprach: "Euer Knecht betrachtet es vom Standpunkt seines Berufes aus. Wenn man beim Rädermachen zu bequem ist, so nimmt man's zu leicht, und es wird nicht fest. Ist man zu eilig, so macht man zu schnell, und es paßt nicht. Ist man weder zu bequem noch zu eilig, so bekommt man's in die Hand, und das Werk entspricht der Absicht. Man kann es mit Worten nicht beschreiben; es ist ein Kunstgriff dabei. Ich kann es meinem eigenen Sohn nicht sagen, und mein eigener Sohn kann es von mir nicht lernen. So bin ich nun schon siebzig Jahre und mache in meinem Alter immer noch Räder. Die Männer des Altertums nahmen das, was sie nicht mitteilen konnten, mit sich ins Grab. So ist also das, was Eure Hoheit lesen, wirklich nur Abfall und Hefe der Männer des Altertums."

Was ist der Standpunkt, von dem aus die Schriften geschrieben sind? Kann dieser Standpunkt übernommen werden? Es gibt zweierlei: Erstens, die Schriften weisen darauf nur hin; sie setzen den Lesenden in Kenntnis, daß es etwas gibt, was er erfahren könnte. Zweitens: Sie können ihm den Standpunkt selbst nicht mitteilen. Das ist der Kern dessen, was der Wagner sagt.

Das bedeutet: Wer meint, aus Schriften etwas für sich herausholen zu können, also sozusagen das Mark der Erkenntnis direkt empfangen und übernehmen zu können, der täuscht sich. Es gibt nichts Wesentliches zu vermitteln; die Worte als solche sind nicht nur bedeutungslos, sondern mit der falschen Herangehensweise sogar schädlich (sogenanntes Bildungsbürgertum, Wissen, Unterhaltung, Erbauung, Weltanschauung usw.). Nur wenn klar ist, daß das Wesentliche selbst erworben werden muß und Schriften nur der Anreiz dazu sein können, läßt sich dieser Schaden vermeiden. Also verweist jeder tiefgründige Text immer nur auf Praxis. Und beinhaltet den Hinweis, daß die Erfahrung des einzelnen noch eine andere, nämlich immer eine ganz individuelle ist. Tut er das nicht, ist er tatsächlich nicht mehr als Abfall.

Die Art, wie der Herzog die Schriften liest und auffaßt, entpuppt sich als pure Dummheit, außerdem gepaart mit selbstgerechtem Dünkel. Und es ist dieselbe Art, wie fast alle heute Bücher lesen und wie es die öffentliche Kultur propagiert. Diese Menschen befinden sich immer ganz eindeutig auf einer Stufe, die niedriger als jede einfache handwerkliche Tätigkeit ist.


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