Dienstag, 27. November2007

Dschuang Dsi: Der Ziehbrunnen

Als Dsi Gung [ein Schüler des Konfuzius] durch die Gegend des nördlichen Han-Flusses kam, sah er einen alten Mann, der in seinem Gemüsegarten beschäftigt war. Er hatte Gräben gezogen zur Bewässerung. Er stieg selbst in den Brunnen hinunter und brachte in seinen Armen ein Gefäß voll Wasser herauf, das er ausgoß. Er mühte sich aufs äußerste ab und brachte doch wenig zustande.
Dsi Gung sprach: "Da gibt es eine Einrichtung, mit der man an einem Tag hundert Gräben bewässern kann. Mit wenig Mühe wird viel erreicht. Möchtet Ihr die nicht anwenden?"
Der Gärtner richtete sich auf, sah ihn an und sprach: "Und was wäre das?" Dsi Gung sprach: "Man nimmt einen hölzernen Hebelarm, der hinten beschwert und vorne leicht ist. Auf diese Weise kann man das Wasser schöpfen, daß es nur so sprudelt. Man nennt das einen Ziehbrunnen."
Da stieg dem Alten der Ärger ins Gesicht, und er sagte lachend: "Ich habe meinen Lehrer sagen hören: Wenn einer Maschinen benützt, so betreibt er all seine Geschäfte maschinenmäßig; wer seine Geschäfte maschinenmäßig betreibt, der bekommt ein Maschinenherz. Wenn aber einer ein Maschinenherz in der Brust hat, dem geht die reine Einfalt verloren. Bei wem die reine Einfalt hin ist, der wird ungewiß in den Regungen seines Geistes. Ungewißheit in den Regungen des Geistes ist etwas, das sich mit dem wahren SINN nicht verträgt. Nicht daß ich solche Dinge nicht kennte: ich schäme mich, sie anzuwenden."
Dsi Gung errötete und wurde verlegen. Er blickte zur Erde und erwiderte nichts.

Die Geschichte geht noch weiter. Der alte Mann fragt nach der Herkunft und Geistesrichtung des Dsi Gung und untergräbt diese dann vollständig:

"Wenn Ihr imstande wärt, all Eure Geisteskräfte zu vergessen und Euren ganzen Formenkram wegzuwerfen, dann könntet Ihr es vielleicht zu etwas bringen. Aber Ihr vermögt nicht einmal, Euch selbst in Ordnung zu halten."

Dsi Gung geht zurück zu seinen Schülern und sagt:

"Ich habe vom Meister [Konfuzius] vernommen, daß es der SINN der berufenen Heiligen sei, in allen Taten das Mögliche zu erstreben, mit möglichst wenig Kraftaufwand möglichst viel zu erreichen. Nun sehe ich, daß das ganz und gar nicht der Fall ist."

Das westliche, inzwischen weltweit überhand nehmende Denken erklärt die ständige Weiterentwicklung der Technik zum Abgott und vermeint, sich damit das Leben nicht nur erleichtern, sondern auch verbessern zu können. Aus möglichst wenig Einsatz möglichst viel Profit herausholen zu können, ist die Devise. Zeit und Energie zu sparen, um damit vermeintlich zu einem anderen, in die Ferne projizierten Moment ein ominöses "Mehr" und "Besser" erleben zu können.

Aber die Menschen fühlen sich damit nicht wirklich besser, sondern sie spüren, daß ihnen etwas ganz Bestimmtes dabei abhanden kommt, von dem sie aber nicht mehr sagen können, worin es besteht. Es besteht in der Abwesenheit jener Qualität, die der Gärtner erfährt, wenn er sich mit der Wirklichkeit seines Seins auseinandersetzt: wenn er sich mit dem Sosein seines Lebens konfrontiert, statt es mit Tricks, so wie der andere, meiden und umgehen zu wollen. Dieses Sosein wirkt auf den bequemen, Wünsche hegenden Menschen hart und ernüchternd. Es steckt aber noch etwas anderes darin, eben das, was technik- und konsumorientierten Menschen entgeht: die Qualität der völligen Ganzheit, und damit eine Qualität inneren Friedens und tiefer, unbeirrbarer Gewißheit. Es geht hier um eine andere Form des Reichtums, nämlich eine innere. Sie ist nur in einem in der Gegenwart verankerten Leben erreichbar, nicht in einem Leben, das auf die Zukunft und eine dort vermeintlich zu erlangende Erleichterung ausgerichtet ist.


Hinter den Kulissen läuft hier auch noch eine tiefere Auseinandersetzung ab, nämlich zwischen der Nützlichkeits- und Richtigkeitsideologie des Konfuzius und dem Standpunkt und der Lebensweise des Reinen Seins. Das versteht man aber erst, wenn man weiß, daß Dsi Gung Schüler des Lehrers Konfuzius ist. Als Schüler übernimmt er erst einmal ungeprüft die Weltanschauung seines Lehrers. Die Motivation dahinter ist das erste, was der Alte untergräbt (habe ich hier nicht im einzelnen zitiert). Konfuzius' Sichtweise wiederum, die zu allen Zeiten öffentlich sehr respektiert war, deckt sich genau mit dem Denken aus Sicht der kultivierten Gesellschaft: denn dies ist ein Denken in Kategorien des schrittweisen Optimierens und Perfektionierens. Zugrunde liegt auch hierbei wieder die Vorstellung eines vom Ganzen getrennten Individuums, das auf seine Umwelt einwirkt (und natürlich, in seinen eigenen Augen, immer nur das Gute will). Genau wie Lao Tse hinterfragt Dschuang Dsi diesen Ansatz und zeigt auf, daß er auf einem Irrtum basiert und somit nicht, wie behauptet und gemeinhin immer wieder angenommen, eine heilsame, sondern ganz im Gegenteil eine verwirrende, ja zerstörerische Wirkung zeitigt.

Das Reine Sein ist für das Richtigkeits- und Verbesserungsdenken die größte Bedrohung; es führt zu dessen augenblicklicher und vollständiger Vernichtung. Daher die Betroffenheit des Schülers, aber auch die erhebliche Verunsicherung des Konfuzius, wenn dieser in den Geschichten des Dschuang Dsi mit Lao Tse persönlich zusammentrifft. Konfuzius empfindet die Antworten des Lao Tse als völlig nihilistisch, als negativ und destruktiv, weil sie sein lebenslang fleißig konstruiertes Gedankengebäude mit einem Schlag zusammenbrechen lassen. Außerdem vermag er die dahinterstehende Wahrheit nicht zu erkennen, weil sie immer noch einen Schritt näher an ihm selbst liegt, als er es für möglich halten kann. Es ist, wie wenn man immer nur sieht, was vor einem liegt, aber das eigene Sehen nicht sehen kann und auch nicht erkennen kann, wer es ist, der sieht.

Die Beendigung des Verbesserungswahns führt selbstverständlich nicht zu einer großen Beglückung; sie führt einfach dorthin, wo man die ganze Zeit über schon war und immer sein wird, und dies bedeutet einfach die Ganzheit der Realität in ihrer vollständigen, komplementären Erscheinungsform. Aber das Lügen und Selbsttäuschen hört damit auf, und in dieser Hinsicht kehrt endlich Friede ein. Dies kann aber nur erleben, wer dort ist (wo er ohnehin ist), statt ständig davon fortzustreben. Diesen intakten Zustand als Ursprung und Ziel zugleich besingt Dschuang Dsi in seinen Schriften und Gleichnissen.

Freitag, 23. November 2007

Irrtum im Internet

Mehrere Irrtümer. Zuerst einmal war es ein Fehler, die Blogs Radio Reschke und Licht am Ende des Tunnels anzulegen. Dies hängt aber wiederum zusammen mit dem aktuellen Zustand des Internets. Es ist sinnlos geworden, Texte, die mehr sind als oberflächliches Geplänkel (sei es als Produktreklame, Egoreklame oder Unterhaltungsgeschwätz auf Kneipenniveau), zu erarbeiten und dann einzustellen, weil sie im Wust und Vielerei eines grellen Zeitgeschmacks mit zuverlässiger Sicherheit untergehen. Ich habe mich da von einer Faszination für ein paar neue Techniken verwirren lassen; das konnte ich gut beim Überschauen der Einträge sehen, als sich auf den ersten Blick die Spreu vom Weizen trennte und vieles sich einfach nur als banal und überflüssig erwies. Es war gerade das, was aus kurzfristigem Enthusiasmus erwachsen war, der wiederum angeheizt war durch falsche Erwartungen auf Mitmachen, Resonanz, Teilhaben und "Dabei-Sein".

Eine nüchterne Rückbesinnung zeigt sofort, daß man komplett loskommen muß von jeglichem Schielen auf Resonanz. Durch die Tags und Listen bei Wordpress gelangen zwar mehr Besucher auf die Seiten, aber diese Besucher zählen nichts und nützen nichts. Wenn ich nun hier weiterschreibe, dann verzichte ich endgültig auf diesen Aspekt "Besucherzahlen".

Letztlich steht auch hier das Prinzip der Bezahlung dahinter. Man trifft es überall da an, wo man einer Sache mehr auf den Grund geht, anstatt irgend einem dummen Trend hinterherzulaufen, der nur belangloses Wellengekräusel an der Oberfläche darstellt, aber nie etwas Substanzielles ausdrückt. Heute spektakulär und "sensationell", morgen schon vergessen. Für mich selbst bedeutet das nichts als Abirren und Zeit- und Energieverschwendung. Da gehe ich lieber hier draußen vor dem Haus spazieren und schaue mir den Himmel und die Bäume an, oder die Menschen, die auf dem Bürgersteig oder in den Geschäften anzutreffen sind. Das ist mehr Wahrheit, mehr Leben, mehr Qualität als der ganze millionenfache Trubel im Web. Das Web ist wie eine kostenlose Illustrierte geworden, oder wie die hirnverbrannten Filmchen und Quizshows in den Privatsendern bei Radio und Fernsehen. Da sammelt sich die ganze Dummheit der Welt. Je massenhafter das Publikum, desto schwachsinniger. Das ist alles, was man zu großen Zahlen und großem Anklang noch sagen kann. Mit diesen Leuten habe ich nichts zu tun. Wenn sich dagegen jemand ernsthaft für meine Texte interessiert, wird er auch ohne Tamtam darauf aufmerksam werden.

Außerdem macht es für mich keinen Unterschied, ob 10, 100 oder 1000 etwas von mir lesen. Weder hat es Einfluß auf mein Glück, noch ändert es etwas an der Art, wie ich schreibe. Ja, es ist sogar umgekehrt: Inzwischen vermag ich mehr Herzblut in einen Text zu investieren, wenn ich die Leser komplett außer acht lasse. Mit lauter Leuten konfrontiert zu werden, die keine drei Worte richtig verstehen können, ist auch nicht gerade der große Ansporn.

Donnerstag, 22. November2007

Dschuang Dsi

Die Menschen des höchsten Altertums lebten inmitten des Unbewußten. Sie waren eins mit ihrem Geschlecht und erreichten Ruhe und Vergessenheit. Zu jener Zeit war Licht und Dunkel in stillem Einklang; Geister und Götter störten nicht; die Jahreszeiten hatten ihre Ordnung; alle Wesen blieben ohne Verletzung, und die Schar der Lebenden kannte keinen vorzeitigen Tod; die Menschen hatten wohl Erkenntnis, aber sie gebrauchten sie nicht: das war die höchste Einheit.

Nein, früher war es auch nicht besser — man versteht erst, was er meint, wenn man versteht, auf welche Art des Denkens und Lebens er abzielt. Mit dem "Vorher" ist der Urzustand gemeint, in dem sich nicht nur die Natur, sondern auch der wahre Mensch befindet (denn dieser ist per se Teil der Natur, ist, wenn er sich nicht verfälscht, genausogut Natur wie jegliches andere natürliche Wesen). "Inmitten des Unbewußten" meint genau das: sich nicht durch den eigenen Verstand und dessen unnötige Verkomplizierungen verwirren: unbewußt entsteht so Lebensrichtigkeit — nicht durch Bessermacherei und Eingreifen (darum geht es weiter unten noch genauer).

"Licht und Dunkel", "Geister und Götter": die gesamte dualistische, sich in Komplementen darstellende Erscheinungswelt gehört zu dieser ursprünglichen Einheit, und auch der mentale und/oder spirituelle Überbau führt nicht zur Verwirrung, weil er als zugehöriges Phänomen akzeptiert werden kann, als Aspekt eines alle Dimensionen, vom Materiellen zum Nichtmateriellen umgreifenden Spektrums der Abstufungen und Übergänge.

Sie hatten "Erkenntnis, aber sie gebrauchten sie nicht": sie verwendeten sie schon, aber nicht von außen künstlich und mit Ambitionen aufgepfropft, sondern so, wie es sich ergab. Nämlich durch Nicht-Eingreifen:

Zu jener Zeit handelte man nicht, sondern ließ stets der Freiheit ihren Lauf.

"Handeln" meint, wie stets im nichtdualistischen Denken des Taoismus und des Zen, das egozentrierte Kontrollierenwollen und verstandesgelenkte Manipulieren — das stets mehr Verwirrung schafft statt zu beseitigen. Denn die Verwirrung ist schon im ersten Ansatz mit enthalten, in der falschen Ich-Bewußtheit, die anstelle der Ganzheits-Bewußtheit getreten ist.

Als dann das LEBEN verfiel, kamen Feuerspender und Brütender Atem zur Herrschaft über die Welt. Darum ging wohl alles seinen Gang, aber die Einheit war nicht mehr vorhanden. (...)
Als dann das LEBEN noch weiter verfiel, kamen Yau und Shun zur Herrschaft über die Welt. Sie brachten die Strömung des Ordnens und Besserns in Lauf, befleckten die Reinheit, zerstreuten die Einheit, verließen den SINN und stellten statt seiner das Gute auf, gefährdeten das LEBEN und stellten statt seiner die Tugenden auf. Von da ab ging die Tugend verloren, und man folgte dem Verstand. Verstand tauschte mit Verstand die Kenntnisse aus, und doch war man nicht mehr fähig, der Welt eine feste Ordnung vorzuschreiben.

Ein besseres Portrait der Irrtümer des heutigen westlichen, aber inzwischen alle Kontinente bis in die fernsten Winkel dominierenden Denkens läßt sich nicht vorstellen. Der Teil versucht das Ganze zu vereinnahmen: das Ich will die Welt regieren und vermag nicht einmal sich selbst halbwegs in Ordnung zu bringen. Je mehr es seine Umgebung zu ordnen, zu perfektionieren und zu steuern versucht, desto mehr verwirrt und schädigt es sie und bringt sie aus ihrem natürlichen Rhythmus, denn es hat vergessen, daß es weder Ursprung noch Grundlage der existentiellen Harmonie ist, sondern nur eine Welle auf dem Ozean und winziger Teil eines viel größeren und umfassenderen Ganzen.

Darauf fügte man Formenschönheit hinzu und häufte die Kenntnisse. Aber die Formenschönheit zerstörte den Inhalt, und Kenntnisse ertränkten den Verstand. Da wurden die Leute vollends betört und verwirrt, und kein Weg führte mehr zurück zur wahren Natur und zum Urzustand.

Äußerst gewitzt und trickreich ist der verwirrte Verstand, denn er vermag bezaubernde Kulissen und Fassaden zu erschaffen: nicht nur die üppige, aus feudalen Finanzen unterstützte Kultur von Renaissance, Barock, Rokoko und Klassik, sondern auch die an Glanz- und Unterhaltungseffekten noch viel reichere Kultur des modernen Technik- und Industriezeitalters mit seinen Hochhäusern aus Glas und Beton, seinen hilfreichen Erfindungen von Maschinen und Kommunikationsstrukturen; und auch diese Kultur basiert auf finanzieller Bereicherung und Auspressen der Menschen durch Ausnutzung. Je bunter die Fassade dieser Welt, desto leerer, abgestorbener, ratloser, dürftiger und verzweifelter sieht es hinter ihr aus.

Besser war es nicht bei den "Alten", aber sie waren dem Wahn noch nicht so verfallen, daß man der Wahrheit des Seins durch schrittweises "Verbessern" und "Umorganisieren" entrinnen könnte — und damit sich selbst und der eigenen existentiellen Situation mit Schmerz, Leid, Einsamkeit und Tod entrinnen könnte. Es gibt nur eine echte Lösung: Zurückzugehen zum Ursprung, und dieser liegt nicht in der Zeit, sondern in der Rückbesinnung auf die ursprüngliche Reinheit des eigenen Seins. Das wiederum bedeutet: konsequenter Abschied von der Lügenwelt.

1. September 2007

Zusammenhänge

Ich stand im Supermarkt an der einen Kassenschlange. Die zweite wurde gerade kleiner, weil der Kassierer soeben sein Serviceende-Schild aufgestellt hatte und sich zum Gehen bereitmachte. Während sich hinter mir eine längere Schlange bildete, fragte mich die Frau, die nach mir kam: "Warum macht der denn gerade jetzt die Kasse zu, wo hier doch so viele warten?" — "Weil er jetzt in Ruhe in seine Mittagspause gehen möchte", antwortete ich ihr ruhig lächelnd. Ich hatte das ziemlich laut gesprochen, so daß er es mitgehört hatte, und mir gedacht: Soll er es ruhig hören! Er errötete etwas. Eine Zeit verging, da nahm er das Schild wieder fort und blieb an der Kasse sitzen. "Machen Sie jetzt doch noch weiter?" fragte ihn die Frau hinter mir und wechselte hinüber. Er gab keine Antwort, sondern fing stumm wieder an zu kassieren.

Ich lachte laut und sagte wohl so etwas wie: "Da hat ja mein Spruch sogar etwas Gutes bewirkt!" Als ich den Laden verließ, mußte ich immer noch lachen und hatte eine wundervolle Laune. Ich weiß, wie es sonst ist: Man ärgert sich zunehmend, bis einem der Kragen platzt und man seine Wut an anderen ausläßt, etwa indem man lästert, sich laut beschwert oder über andere herzieht. Nützen tut das nie etwas, und selbst wenn man damit etwas erreicht, indem man jemand unter Druck setzt, hinterläßt es immer ein schlechtes Gefühl — bei allen Beteiligten. Ich gehöre nicht zu denen, die triumphieren, wenn sie ihren Willen gegen andere behauptet haben. Daher passiert aber meistens gar nichts, außer daß ich den üblichen alltäglichen Frust erlebe wie so viele andere auch, gerade in solchen Supermärken und beim Warten in der Schlange.

Was war hier nun gerade passiert, und was war dabei anders gewesen? Ich kenne diesen Verkäufer schon so lange und habe sein Verhalten so oft miterlebt, daß ich rein instinktiv seinen wunden Punkt getroffen hatte. Er nutzt die Kollegen aus, drückt sich vor der unangenehmen Arbeit an der Kasse, ist meistens unwirsch und gereizt, und selbstverständlich unternimmt er alles, um den Platz räumen und ins Hinterzimmer verschwinden zu können, wo er seine Pausen so lange auskostet wie nur möglich. Nur weil ich das gewußt hatte, hat mein locker dahingesagter Spruch, der keineswegs abfällig gewesen oder als Nötigung gemeint gewesen war, diese Wirkung ausgeübt. Er war errötet, weil er selbst merkte, daß seine Schwäche aufgedeckt worden war — deshalb hatte er auch nichts entgegenzusetzen, ja konnte nicht einmal ärgerlich werden. Was hätte er anderes tun können? Wäre er aufgestanden und gegangen, so hätte er dadurch meine Aussage ja erst recht bestätigt.

Warum war ich danach so zufrieden, ja glücklich über den Vorfall? Es ist schwer, ja fast unmöglich, dahin zu kommen, alles, was in solchen alltäglichen Situationen wie im Supermarkt oder ähnlichen öffentlichen Orten geschieht, ohne jedes innere Sträuben und Rebellieren hinzunehmen. Man muß innerlich an allen Fronten kapituliert haben, um das einfach so zu akzeptieren — selbst wenn man die ganze Zeit sehr genau mitbekommt, was da alles schiefläuft. Aber erst diese profunde innere Kapitulation ermöglicht es, dann doch wieder etwas zu tun, zu sagen, und zwar ohne jegliche Erwartung und ohne jeglichen Versuch der Beeinflussung. Aber nur an diesem Punkt gibt es innere Freiheit, und nur an diesem Punkt behält auch der andere seine innere Freiheit, und nur da hat er die Möglichkeit, aus sich selbst heraus ebenfalls etwas zu ändern.

Von diesem Moment an ist es ein Spiel; da ist kein Druck, keine Not, kein Zwang mehr. Diesen Punkt kann man nicht "erlangen"; man kann nur zu ihm zurückfallen, und man muß alles aufgegeben haben, um wieder dorthin zurückzukommen.

17. August 2007

Mein Staat und ich

Allzu lange konnte man die Deutschen wohl nicht an der Nase herumführen, und selbst das pausenlose Trommeln mit der Parole "Reformen! Endlich mehr Reformen!" auf allen Kanälen und in allen Medien hat die versuchte Gehirnwäsche nicht zum gewünschten Triumph führen können. Denn verblüffende Ergebnisse bei Umfragen zeigen, daß die deutsche Bevölkerung wieder an einem gesunden, vitalen Sozialstaat interessiert ist, der Ungerechtigkeiten behebt und Benachteiligungen ausgleicht. So dumm sind die Menschen in diesem Land also doch nicht.

Sie nehmen natürlich auch die Tatsachen zur Kenntnis; Tatsachen sind immer noch die beste "Propaganda". Zum einen merken sie es immer deutlicher selbst: wer es ist, der an diesen sogenannten "Reformen" groß verdient hat — eben keineswegs sie selbst, sondern das Geld, das ihnen unter dem Vorwand entzogen wurde, die "heimische Wirtschaft" im behaupteten globalen Verdrängungswettkampf besser dastehen zu lassen und damit angeblich auch den Bürger mitprofitieren zu lassen (wie noch von Schröder, Müntefering, Fischer zu Zeiten der rot-grünen Koalition versprochen), es fließt ganz woanders hin: in die Taschen des neuen Geldadels, zu den Multimillionären und Milliardären des Meudalismus bzw. Neufeudalismus.

Selbst ohne in Volkswirtschaft der große Fachmann zu sein, kann sich auch der unbeschlagenste Durchschnittsbürger die Informationen leicht klarmachen, wie sie an dem Diagramm (Entwicklung der Löhne und Gehälter in Relation zu Unternehmens- und Vermögenseinkommen) bei Joachim Jahnke ins Auge stechen. Er merkt es bei sich selbst, er kann sich informieren, und soviel können selbst die Medien nicht verhindern: daß derartige Fakten an die Öffentlichkeit dringen und sich nach und nach herumsprechen.

Wie nicht anders zu erwarten, haben die gesteuerten, weitgehend gleichgeschalteten Großmedien weiterhin Schwierigkeiten, mit diesen Fakten fair und vor allem bürgerfreundlich (nicht feudalfreundlich) umzugehen, das beweist geradezu exemplarisch der Beitrag Viel Sehnsucht, viel Angst in der "Zeit". Die Renaissance des Sozialstaatgedankens —: für Neoliberale ein bedauerlicher Rückschritt in "längst vergangene Zeiten". Die Nachdenkseiten kommentieren das mit der gebotenen Schärfe , aber so etwas steht wieder nur im Internet. "Daß die Mehrheit linken Positionen zustimmt", ist eben nichts wirklich Neues (das war sogar schon bei der letzten Bundestagswahl so gewesen) — die Frage ist nur, ob es als Armutszeugnis oder als Zeichen von neuer Aufgewecktheit interpretiert wird.

Ungewohnt deutlich wird hier Heidrun Graupner in der Süddeutschen Zeitung bei ihrem Kommentar mit dem Titel Armut raubt die Zukunft: "Gibt es ihn noch, den Sozialstaat, so wie ihn das Grundgesetz verlangt? [...] Der bejubelte Aufschwung in Deutschland ist nur ein Teil der Wahrheit: Wer auf die inflationären Zahlen in den Armutsstatistiken schaut, wird nicht mehr von Aufschwung reden."


Hinter diesen Zahlen aus Umfrageergebnissen und Wirtschaftsstatistiken und hinter ihrer Interpretation steht für mich aber etwas anderes, viel Grundlegenderes und Wichtigeres, nämlich das Bild vom Staat selbst, das Bürger haben und das auch ich selbst habe. Dieses Bild wandelt sich. Einerseits gibt es da die Vorstellung von einer tyrannischen Krake, die Menschen verschlingt und zu ihren Zwecken benutzt (Ausbeutung, Überwachung, Zensur, Kriegsführung). Es gibt den Staat als Obrigkeit, einmal in der unterdrückerischen Variante, ein andermal in der Variante der Glucke, die möglichst viel Geld an sich reißt, um es dann irgendwelchen (tatsächlich oder angeblich) arbeitsunwilligen Schmarotzern und Faulenzern, die unverdientermaßen auf Fürsorge und leichtes Leben spekulieren, in den Rachen zu werfen. Wie man es anschaut: ein völlig widersprüchliches, geradezu schizophrenes Bild. Der Unternehmer sieht sich vom Staat ungerechtfertigt geschröpft und durch Steuern, Abgaben, immer höher werdende Belastungen in seiner Existenz bedroht; er fordert: möglichst wenig Staat, möglichst wenig Geld der unersättlichen Fürsorgekrake! Der kleine Mann dagegen nimmt eine genau entgegengesetzte Perspektive ein. Was davon trifft nun zu?

Das Ganze muß sich ausbalancieren, so daß für ein Gemeinwesen in der Summe der beste Nutzen und das beste Wohl dabei herauskommt, wobei eben auch die Schwachen und nicht mehr Leistungsfähigen ein unbedingtes Anrecht auf Grundversorgung und gesundheitliche Unterstützung haben. Darum, um diese gerechte Summe geht es, und nicht um die Bevorzugung bestimmter Gruppen oder gar Einzelfiguren. Verschoben hatte sich diese Balance schon vor etlichen Jahren, als das neoliberale Weltbild (siehe Schröder, FDP, CDU/CSU, heutige SPD, aber auch ein Großteil der Grünen, speziell der machtorientierte Flügel) den Sozialstaat vermehrt als Belastung und Hindernis ansah, als Benachteiligung innerhalb der internationalen, durch die Globalisierung angefachten Wirtschaftskonkurrenz. Der Sozialstaat als Störung, als ärgerliche Bürde, so die Sichtweise des Neoliberalismus — und das ist eben nur die einseitige Sichtweise der Konzerne, des Geldadels, der internationalen Kredithaie und der Aktienspekulanten. Es ist nicht die Sichtweise des Bürgers, und dem Bürger weismachen zu wollen, wenn die Reichen noch reicher würden, fiele auch für ihn etwas dabei ab, ist so ziemlich der dümmste Trick, den man sich ausdenken kann.

Davon abgesehen muß aber auch jeder einzelne Bürger reif und intelligent genug sein, zu verstehen, wie ein Sozialstaat funktioniert und was das alles für ihn selbst zu bedeuten hat. Nur dann ist er immun gegen die Propaganda der von neufeudalen Kreisen gesteuerten Großmedien. Steuern sind nicht nur Belastungen und damit lästiges Übel: Schaut man sich Straßenbau, Schienenwege, Stromerzeugung, Wasserversorgung, Krankenhäuser, Schulen, Sozialfürsorge, Sozial- und Gesundheitsversicherung an, so nimmt jeder den hohen Qualitätsstatus dieser Einrichtungen, den wir hier in Deutschland antreffen, allzu leicht als selbstverständlich. Ja, wo soll denn das herkommen, wenn es nicht finanziert wird? Exzellent ausgebaute öffentliche Verkehrsmittel, aufwendige Kinderspielplätze für die eigenen Kinder, ein hochwertiges Kulturangebot mit subventionierten Theatern, Opern, Konzerthäusern, das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen, das alles nimmt man gerne in Kauf, aber es will organisiert und auf qualitativ gutem Stand gehalten werden. Auch Polizei und Militär nicht zu vergessen, nämlich Polizei zur Beruhigung und Sicherheit der Bürger, nicht zu deren Überwachung und Erniedrigung, und eine Bundeswehr, die den Namen wieder verdient, weil sie zum Zweck der Verteidigung besteht statt um für kriegerische Angriffsmaßnahmen außerhalb des Staatsgebiets mißbraucht zu werden. Noch einmal: Alle diese staatlichen Leistungen und Aufwendungen sind nicht selbstverständlich, sondern erfordern Investition und Pflege; sie erfordern Personal, Verwaltung, Planung und ständige Fortentwicklung.

Den Schmarotzer, der nur sich selbst bereichtern will (siehe Steuerbetrüger, Steuerflüchtlinge, Aktien-shareholder) interessiert das alles wenig, wenn er nur auf seinen eigenen schnellen Profit aus ist, aber damit schädigt und schwächt er die Solidargemeinschaft. "Möglichst wenig Staat" ist richtig und wahr— sofern es für die ganze Solidargemeinschaft gilt, nicht nur für Reiche und Spekulanten.

Die Grundfrage muß sich jeder selbst stellen: Was erwarte ich vom Staat; was bedeutet mir der Staat; was ist meine Vorstellung von ihm? Ist er mein Freund oder mein Gegner? Wieviel habe ich mit ihm zu tun, und was? Um das in den richtigen Relationen sehen zu können, muß eine weitere Perspektive eingenommen werden, muß der Horizont über die eigenen kleinlichen Interessen hinaus ausgedehnt werden.


Dieser weitere Horizont beinhaltet, mich als Teil eines Gemeinwesens zu verstehen, zu dem ich selbst beitragen kann, ob durch meine Arbeitskraft, mein soziales Engagement und meine Hilfsbereitschaft, meinen kreativen Selbstausdruck als Mensch (z.B. durch Kunst, Kultur, Religion): erst in dieser Konstellation kann ich mich entfalten. Es gehört auch dazu, sich über den Zustand des Staates und der Gesellschaft Gedanken zu machen, sich zu interessieren, zu informieren, darüber zu schreiben, sich mit anderen rege austauschen (politische Blogs sind dafür ein gutes Beispiel!).

Selbstverständlich ist Staat nicht gleich Staat; ein Staat kann bürgerfreundlich oder bürgerfeindlich gestaltet sein. Aber wer den Staat ablehnt, weil er ihm zu bürgerfeindlich ist, der sollte nur diese konkrete Erscheinungsform ablehnen, sich aber gleichzeitig klarmachen, welche Art Staat er sich vorstellt und wünscht, statt den Staat als solchen anzugreifen. In dieser Verwechslung zwischen konkreter Situation und eigener politischer Denkweise entstehen die meisten Mißverständisse und Widersprüche, so daß oft diejenigen, die Mißstände am klarsten erkennen und durchschauen, den Fehler begehen, durch ihre Kritik mehr Schaden als Nutzen anzurichten.

Mein Staat und ich: wir sind gar nicht so getrennt voneinander. Genau betrachtet ist der Staat stets die eigene Bewußtseinsprojektion: er ist, als was ich ihn sehe. Dies ist die ursprüngliche Wurzel jeglicher politischer (d.h. verantwortlicher, reifer) Wirklichkeitsauffassung, und von hier aus macht jeder seine ganz eigene und persönliche Politik. Hier bestimmt er selbst, was passiert, hier beeinflußt er seine direkte Umgebung. Der Staat kann nicht reifer und gerechter sein, als ich es bin; es ist aber auch sehr unwahrscheinlich, daß ein Staat, vor allem auf Dauer, viel ungerechter, ausbeuterischer, tyrannischer und kriegslüsterner ist, als es die Mehrheit der Bürger in ihrem Denken und Wollen ist. Es nützt gar nichts, die Mehrheit der anderen Menschen in dieser Hinsicht nur zu kritisieren — ich muß die Verantwortung für meine eigene Sichtweise übernehmen und darauf achten, inwieweit ich die Zusammenhänge selbst verstehen und überschauen kann.

In diesem Maße trage ich bei und bin Teil des Ganzen, aber erst in diesem Bewußtsein wirke ich auch auf das Ganze sinnvoll und fruchtbar zurück. Und nur indem ich mich so, entsprechend meiner eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten, einbringe, gelange ich zu mir selbst und dem, was ich bin.

16. August 2007

Absichtlichkeit

Das Leben selbst verfolgt keine Absichten. Es ist interessant, zu sehen, wo Absichten herkommen. Sie sind von den Menschen sich selbst auferlegt, aber wer legt sie ihnen auf, und warum?

Es ist gar nicht schwer, einmal näher darauf zu achten, wie bei einem selbst Absichten entstehen. Sie entstehen nicht so ohne weiteres, sondern sie entstehen vor einem Hintergrund. Dieser Hintergrund ist Ablehnung, ist Unzufriedenheit, ist Unfähigkeit und Nichtbereitschaft, die Qualität des Augenblicks anzunehmen und zuzulassen. Diese Qualität wird abgewertet, sie "reicht" einem nicht. Es muß "besser" werden. Wie, das ist noch nicht so recht klar, aber klar ist, daß es besser werden muß. Von diesem Moment an beginnt der Konflikt, mit allem, was sich weiter daraus ergibt. Und dann wird es nicht "besser", sondern schlechter, nämlich in dem Sinn, als der Konflikt bei allen weiteren Folgen dieser Flucht von Beginn an immer mit dabei ist. Natürlich wird dann irgendwann versucht, ihn wieder loszuwerden, aber das kann nicht mehr klappen, weil der Ausgangspunkt schon längst verlorengegangen ist. Da nützt dann auch "meditieren" nichts mehr, weil hier ebenfalls wieder die Absichtlichkeit mit drinsteckt.

Ich bin irgendwann dahintergekommen, daß sich Freude nicht absichtlich verfolgen läßt. Sie kann kein Ziel sein. Absichtlichkeit und Freude schließen einander gegenseitig aus; sie sind wie Licht und Dunkelheit. Das wiederum bedeutet, daß Absichtlichkeit geopfert werden muß. Nun gut, das klingt wieder nach Absicht, aber es ist möglich, mit etwas Verständnis des Zusammenhangs die schlechte Gewohnheit, sich in Absichten zu flüchten, nicht mehr zu füttern, auf daß sie nach und nach verhungert.

Manchen kommt das wie freigewählte Depression vor. Ja, zuerst mag es so sein, denn es fühlt sich fürs auftrumpfende Ego wahrlich nicht gut an. Ihm wird hier ja schließlich die Grundlage entzogen, und das registriert es durchaus. Dieses "Landen" in der Wirklichkeit, ohne den altgewohnten krampfhaften Versuch, sofort wieder abzuhauen, mag zuerst deprimierend wirken. Aber es ist schon der Anfang der Besserung. Es ist einfach ein anderer "Geschmack", und es ist möglich, sich mit diesem Geschmack langsam vertraut zu machen und ihn nach und nach mehr zu schätzen.

Nach und nach kommt mehr und mehr Wirklichkeit herein. Und irgendwann mag sich Freude einstellen. Diese Freude ist dann eine neue Art Freude, eine viel echtere Art, denn sie ist nicht von Vorsätzen und Gier vergiftet.

Es ist etwas völlig anderes, wenn dann etwas entsteht — wenn Kraft ausgedrückt wird, wenn Dinge vollbracht werden. Denn das geschieht dann als Spiel, als Spiel des Lebens mit sich selbst. Der Mensch ist dann Vehikel dieses Spiels, nicht Herrscher, nicht Kontrollierender, nicht Erwartender und nicht Fordernder. Weder verlangt er dann von sich noch von anderen etwas ab. Wenn Kraft sich auf diese Weise ausdrückt, so ist das ein freies Geben, das nichts im Rahmen irgend eines Handels, eines berechnenden Kalküls zurückerwartet.

Dieses Spiel, sollte es einmal zustandegekommen sein, wieder mit Absichten zu befrachten und die freigesetzte Dynamik für bestimmte Zwecke ausnutzen zu wollen, ist genauso falsch wie das oben Beschriebene. Wir stehen immer am Punkt Null, ob nun etwas geschieht oder nicht geschieht, und dieser Punkt genügt sich selbst.

15. August 2007

Leben ohne Tränen

Diese wunderschöne Kapitelüberschrift bei Wei Wu Wei bezieht sich exakt auf das, was ich mit den beiden Einträgen Der Weg des Leidens und Der Weg des Glücks angesprochen habe. Da diese Dinge ohnehin meistens mißverstanden werden, kann ich genauso gut auch noch weiter darüber schreiben...

Der "Weg des Leidens" ist — sich ins Leben einzumischen. Ob das nun mit spirituellem oder sonst einem Anspruch geschieht, läuft alles auf dasselbe hinaus. Leid wird durch willentliches Handeln verursacht, also durch den Versuch, die Dinge nach eigenem Dafürhalten zu korrigieren. In diesem Moment isoliert sich das Bewußtsein als handelnde Wesenheit. An diesem Punkt wird die eigentliche Ursache des Leidens gesetzt. Das Handeln geschieht nicht mehr als ungezwungen-natürlicher und spontaner Ausdruck der Lebenskraft, sondern es wird zu einer Aktion, die sich die vermeintlich getrennte Wesenheit selbst auferlegt. Dadurch wird ein Konflikt erschaffen, erst ein innerlicher Konflikt ("Ich habe vor...", "Ich werde das tun..."), dann als unmittelbare Folge dieses inneren Konflikts ein äußerer Konflikt, denn das Leben reagiert äußerst sensibel auf die in Gang gekommene Disharmonie; es spiegelt den Konflikt unmittelbar zurück.

Sich nun in diesen zurückgespiegelten Konflikt weiter zu involvieren, bedeutet eine zusätzliche, immer schlimmer werdende Verstrickung. Behält man die gleiche Richtung bei, so spitzt sich die Krise kontinuierlich zu. (Das ist übrigens auch, was überall zu beobachten ist, insbesondere in der Pseudopolitik und der Pseudoreligion, mit allen ihnen zugehörigen Manifestationen von Zank, Streit, Gegnerschaft, bis hin zu Krieg und intendierter Vernichtung des vermeintlichen "Feindes", also der Figur im Spiegel.)

Man könnte nun denken, jeder Mensch müßte unendlich froh sein, sich derartige Mühen und Plagen ersparen zu können. Das Problem ist nur, daß nun seine Vorstellungswelt hineinkommt und ihn zwingt, die ihr automatisch innewohnende Logik auch nach außen (und ebenso sich selbst gegenüber) zu vertreten. Deshalb ist Hingabe für das Ego so ziemlich das Allerschwierigste und Allerfürchterlichste.

Denn es passiert ja nicht, was man wollte — bzw. was das Ego wollte. Sondern es passiert, was "die anderen mit einem machen", oder es passiert "die eigene Schwäche". Es fällt dann immer schwerer, loszulassen und nachzugeben.

Loslassen und Nachgeben können aber wiederum keine willentliche Handlung sein, sondern sie können sich nur spontan als Einsicht ergeben (nämlich als echtes Verstehen des Gesamtzusammenhangs, in dem man sich befindet) . Hingabe als Plan oder gar als Disziplin ist genauso verblendet und irreführend wie kämpferische Interessendurchsetzung. Auf die Idee, man solle Ungerechtigkeiten und mißliche Zustände demütig erdulden, können nur die Pseudoreligionen kommen. In diesem Fall tritt der Handelnde wieder an der Hintertür herein, als ein Sich-selbst-Kontrollierender, der sich die Befolgung moralischer Prinzipien oder Konzepte abverlangt.

Tatsächlich erscheint Loslassen dem durch die Normalität konditionierten Menschen geradezu unglaublich und unmenschlich: er findet den dritten Weg zwischen Kampf und Untätigkeit vor allem deshalb nicht, weil er Angst vor dem bekommt, was dann passieren könnte. Liebe ist das allerschlimmste, was ihm passieren kann; Liebe nicht in Form seiner sentimentalen Kitschvorstellung (als Pseudoliebe, bei der seine heimlichen Wünsche und Forderungen erfüllt werden), sondern Liebe durch Einswerden mit dem, was bereits jetzt da ist. Merkwürdigerweise ist dies der Punkt, der vehement gemieden wird. Denn an diesem Punkt brechen alle falschen Vorstellungen von sich und vom Leben auseinander.


Die Leute meinen immer, das seien Haltungen, Einstellungen, Lebensmaximen. Sie bauen sich das auf, sie eignen es sich an, sie "arbeiten daran". Sie holen sich Einflüsse in Form von Büchern, Lehren, Äußerungen angeblich kluger oder weiser Menschen herbei und versuchen das alles zu einem eigenen persönlichen Wegweiser und Verhaltensmaßstab zu destillieren. Und schon wird es schlimmer statt besser — die ganze Richtung ist genau das Verkehrte. Es geht immer um ein "Wie?" — "wie tut man das?", "wie wird man glücklich?" usw. Schon dieses Wie ist falsch. "Wie werde ich stärker? Wie lerne ich, mir mehr treu zu sein? Wie komme ich dahin, daß ich...?" Alles die falsche Richtung. Es ist wichtig, diese Richtung als von Grund auf falsch, sogar als schädlich zu erkennen — nur das kann dazu führen, daß sie von einem abfällt wie ein ekelhafter Blutegel.

15. August 2007

Sie können nicht mehr zurück

Je mehr Deutsche im Rahmen des grundgesetzwidrigen Afghanistan-Einsatzes ums Leben kommen, desto mehr wird die Devise heißen: Durchhalten! Durchhalten, nicht nachgeben, vor allem gegenüber den Gewalttätigen und Mördern nicht. Es ist immer dieselbe Logik. Es ist die Logik, die zum Krieg führt, und in diesem Krieg sind wir Deutsche schon drin, und aus diesem Krieg werden uns unsere Pseudopolitiker auch nicht mehr herausführen. Aber gerade angesichts dieser sich immer weiter zuschnürenden Schlinge der Borniertheit und des falschen Heldentums ist es umso wichtiger, den ganzen dahinterstehenden Zusammenhang zu verstehen und zu verstehen, was er mit einem selbst zu tun hat. Apropos falsches Heldentum: Wer den Film "Black Hawk Down" noch nicht gesehen hat, dem empfehle ich, das bei Gelegenheit nachzuholen. Zwar gilt der Film, der im Gefolge der Eindrücke des 11. September 2001 und der geänderten US-amerikanischen Militärdoktrin entstand, hier als typischer Propagandafilm dieser neueren geschichtlichen Phase, denn er verherrlicht die amerikanischen Soldaten als Übermenschen, die nur darauf warten, über sich selbst und ihre Todesangst hinauszuwachsen, aber man kann das, was dort ziemlich plastisch und teilweise sogar dokumentarisch gezeigt wird, auch ganz anders verstehen: Denn die im damaligen UN-Friedensauftrag aktiven US-Truppen wirken innerhalb einer afrikanischen Zivilisation, die völlig andere Werte vertritt und ihre eigenen Gesetze entwickelt hat, wie ein Haufen deplazierter Schiffsbrüchiger. Es wird in dem Film unmißverständlich deutlich, wie wenig diese Soldaten, ob tapfer oder nicht, gegen ein riesiges kulturelles Umfeld ausrichten können, mit dem sie nichts, aber auch gar nichts gemein haben. Sie haben dort einfach nichts zu suchen. Und genauso ist es im Irak, und genau so ist es in Afghanistan. Ein Beck oder ein Struck, die hier in Deutschland Sprüche klopfen, haben nicht in einem Land wie Afghanistan gelebt, haben nicht die mindeste Ahnung von der Mentalität der dortigen Bevölkerung, wissen auch nichts über die religiösen oder ökonomischen Verhältnisse (siehe das Beispiel des unter Westeinfluß immer stärker zunehmenden Drogenanbaus) und wären, so vermute ich einfach mal, auch viel zu feige, um ihren eigenen Kopf für die Freiheit der dortigen Menschen hinzuhalten. Der ganze Ansatz der Militärintervention ist grundfalsch, genauso grundfalsch, wie es schon der Vietnamkrieg war, der ebenfalls unter dem Motto geführt wurde, in einem fernen und völlig fremden Land die westlich/amerikanische Vorstellung von Freiheit und Wirtschaftsliberalität durch einen immer brutaler werdenden Eroberungskrieg einführen zu wollen. In Vietnam haben die USA endgültig ihr Gesicht verloren und haben sich selbst als grausame Massenmörder diskreditiert, nicht weil sie schlechtere Menschen wären als andere, sondern weil sie besagter Logik von der Projektion eigener Unklarheiten nach außen verfallen waren. Nun also auch wieder wir Deutschen! Und wieder sterben Deutsche sinnlos, wieder werden sie von gewissenlosen Pseudopolitikern geopfert, wieder kommt kein öffentlicher Aufschrei, und immer noch gelten diese Pseudopolitiker als friedliebende, anständige Persönlichkeiten.

13. August 2007

Das Wörterbuch der wichtigsten Sprachbegriffe

Irgendwann zwischendrin, ohne daß ich darüber groß nachgedacht hatte, war mir aufgefallen, daß ich Worte in einer anderen als der alltagsüblichen Bedeutung verwendete. Ich hatte das zwar schon seit langem gewußt, es aber immer als für mich längst selbstverständlich genommen. Ich hatte auch gewußt, daß andere Menschen mich deshalb schlecht verstehen konnten. Verwendete ich z.B. das Wort Religion, so meinte ich ziemlich genau das Gegenteil von dem, was mein Gegenüber darunter verstand. Das hatte ich mir immer mit einer natürlichen Diskrepanz in den Erfahrungen, die ich und der andere in den letzten vielleicht 20 oder 30 Jahren gemacht hatte, erklärt und es als unabänderlich hingenommen.

Als es sich jetzt mit dem Wort Politik wiederholte, begann sich jedoch etwas in mir zu verschieben. Religiöses kann man noch mit sich alleine ausmachen, dagegen hat Politisches aber einen ganz anderen Beigeschmack, nämlich den, die Gesamtheit der Menschen zu betreffen und über den eigenen privaten Tellerrand hinauszuweisen. Nun merkte ich, wie ich auch unter "Politik" etwas völlig anderes verstand als andere Menschen, und auch hier wieder so gut wie das genaue Gegenteil der herkömmlichen Interpretation.

Und nun zeigt sich noch deutlicher, so deutlich, daß ich es nun wirklich nicht mehr ignorieren konnte, wie unsinnig es war, solch einen Begriff einfach so zu benutzen und dann zu hoffen, damit würde irgendetwas von dem, was ich mitzuteilen versuchte, beim Adressaten ankommen. Es könnte nur ein totales Mißverstehen dabei herauskommen, soviel wurde mir hier nun endgültig klar. Aber was tun? Das Wort nicht mehr benutzen? Oder jedesmal meine eigene Erklärung mitliefern?

Heute verfiel ich auf den Begriff "Pseudopolitik", und dann auch auf "Pseudoreligion". Ja, genau das ist es. Aber was ist nun wiederum wirkliche Politik, wirkliche Religion? Was ist Moral, was Natur, was ist überhaupt der Mensch, was ist sein Ich, sein Bewußtsein, und was hat die Gesellschaft mit alledem zu tun? Ich setzte mich also hin und arbeitete die Bedeutung, die diese Begriffe für mich haben, genauer heraus. Es ist unglaublich, wie viele Aufschlüsse man dabei erhält! Es ist nicht Wortklauberei, sondern es ist Klärung — eine Klärung, die auf einer ganz tiefen Ebene von Verstehen und Fühlen ansetzt. Und nun entdeckte ich, wie sich hier Worte, einfache, täglich immer wieder verwendete Worte, in diesem Prozeß des Erkennens, Fühlens und Wahrnehmens, in dieser ständigen täglichen Auseinandersetzung mit der Umwelt, mit dem Leben und mit der Gesamtheit des Seins auswirken. Als würde hier die eigene Weltsicht ständig gesteuert und beeinflußt.

Das bedeutet aber unmittelbar: Es ist ein Verbrechen, das man an sich selbst begeht, wenn man die alltagsübliche, landläufige Wortbedeutung ungefragt übernimmt und nachplappert. Bereits in diesem Moment hat man nämlich schon verloren. Man ist zum Affen, zum Sklaven der herrschenden Weltsicht geworden. Und dann nützt es auch nichts mehr, wenn man diese Weltsicht kritisiert und sich durch abweichende Meinungen von ihr abzugrenzen versucht. Sie hat über die Sprache bereits Gewalt über einen gewonnen, und diese Gewalt gibt sie dann auch nie mehr her. Jedenfalls solange nicht, wie man die Worte im alten Sinn weiter benutzt und, mehr noch, sie gegenüber anderen zur Artikulation des eigenen Denkens, Fühlens und Wollens benutzt — denn hier, in dieser zwischenmenschlichen Interaktion, entscheidet es sich, was wirklich gemeint ist und was davon dann auch wirklich verstanden wird. Das, was letztlich herüberkommt, ist die Wirkung — der Rest dagegen hatte sich noch allein in meinem eigenen Kopf abgespielt.

Also sollte man beides bedenken: 1. Wie steuern die Worte mein eigenes Fühlen, Denken und Wollen? Und 2. was passiert bei der Vermittlung gegenüber anderen; was wird dort tatsächlich vermittelt und bewirkt?

Seit ich mir das mehr bewußtmache, ist es unmöglich geworden, die alten Wortbedeutungen einfach so weiterzubenutzen. Mündlich kann man nicht ständig das eigene Wortverständnis erläutern. Aber schriftlich gibt es mehr Möglichkeiten, und besonders hilfreich ist die Verlinkungsmöglichkeit im Internet. Ich werde mich an den neuen Wortgebrauch mit "Pseudo-..." halten, werde versuchen, die eigentliche und die verfälschte Bedeutung der Begriffe klarer zu trennen, und das wird auch wieder positiv auf mein eigenes Verständnis dessen, worüber ich rede und schreibe, zurückwirken.


Eines sollte nochmal ganz klar hervorgehoben werden: Die herkömmliche Wortbedeutung darf nicht mechanisch wiederholt und nachvollzogen werden. Es ist ganz entscheidend, die ursprüngliche Wortbedeutung wiederzubeleben oder, wenn das nicht möglich ist, andere Begriffe zu verwenden. Und das Ganze ist eben nicht, wie die allermeisten sicher glauben werden, eine nebensächliche Banalität und ein kleinkariertes Herumflicken. Wer so denkt, der hat sich schon von der Dummheit vereinnahmen lassen und wird für die Zwecke benutzt, denen mit solchem unbewußten Wortgebrauch gedient wird.

Bei der Verwendung der Begriffe zeigt sich außerdem, wieviel einer vom Leben und von sich selbst verstanden hat. Das ist mir besonders beim Erstellen des Wörterbuchs aufgefallen. Man könnte unterschiedliche Menschen bitten, einmal derartige Stichworte in eigenen Worten und nach eigenem Verstehen zu erläutern, und man erhielte auf einen Schlag ein verblüffend genaues und unbestechliches Portrait dieses Individuums.

10. August 2007

Der Weg des Glücks

Ich nenne das, was ich im vorhergehenden Eintrag angesprochen habe: seinem Glück folgen. Maßgeblich ist hierbei einzig das Gefühl der inneren Stimmigkeit und Natürlichkeit. Dies ist der Kompaß, der dahin weist, das für einen selbst Richtige zu tun, anstatt sich etwas, das an aufgepfropften Kriterien orientiert ist, aufzunötigen.

Der Geschmack dieser Art zu leben ist: es kommt eine grundlose Freude, manchmal sogar Ekstase auf. Nicht aufgrund der Erfüllung irgendwelcher Erwartungen oder Hoffnungen, sondern allein durch das, was im Moment passiert und sich dadurch selbst erfüllt, daß es so passiert, wie es passiert.

Was üblicherweise unter Erfüllung verstanden und gesucht wird, hat damit nichts, aber auch gar nichts zu tun. Nicht der übliche Sex, nicht die übliche Erotik und keine andere der erstrebten Befriedigungen, sei es durch Geld, Prestige oder Kontrolle. Denn deren Motive entstehen aus Druck, Sucht und Notdurft; man kann es nicht mehr anders aushalten und muß sich deshalb auf den Handel, der allerorten angeboten wird, einlassen: eben auf jede Art von Partnerschaft und Zusammenwirken, bei der das eigene Gewissen zurückgestellt wird zugunsten verschiedenster angebotener Gratifikationen. Nicht mehr einsam zu sein beispielsweise. Sich einzubilden, man werde geliebt. Sich gegenseitig zu suggerieren, man liebe einander.

Die innere Stimmigkeit ist damit aber schon von vornherein geopfert und verraten worden. Meiner Erfahrung nach geschieht das stets im allerersten Schritt: die allererste Voraussetzung besteht darin, die Vollkommenheit des eigenen Seins in Frage zu stellen. Da reicht doch etwas nicht, da stimmt doch etwas nicht mit einem, also muß man sich für den Handel zur Verfügung stellen, um wenigstens etwas vom guten Kuchen abzubekommen.

Alleine warst du aber reicher; da warst du noch kein Bettler und kein Verschüchterter, Zweifelnder, Mißtrauischer und Leidender. Als Kind konntest du noch lachen und hast dich deines Lebens erfreut, ohne große Vorbedingungen zu stellen und dann einem Schemen nachzujagen, der sich nie mehr erfüllte.

Warum sollen nicht auch Begegnungen mit anderen auf dieser gesunden und intakten Grundlage möglich sein? Da, wo Lachen und Fröhlichkeit von selbst hervorsprudeln, ist auch Sex kein zwanghaftes Gieren nach Erlösung von Spannung, sondern ein freies Spiel der Lebendigkeit, das in jedem Moment, ob am Anfang oder am Ende, gleichermaßen streßfrei abläuft. Warum müssen feste Vereinbarungen geschlossen werden, die stets Besitzrechte beinhalten und notgedrungen Neid und Eifersucht mit sich bringen? Ist nicht jeder in jedem Moment frei, zu tun, was ihn glücklich macht?

Keine Belohnung der Welt ist es wert, das wieder zu opfern, nachdem es einmal von Grund auf erkannt und verstanden worden ist. Wer diese Existenz als eine Existenz des Leidens erlebt und darauf wartet, endlich alles hinter sich zu haben, der ist seinen Weg noch nicht zurückgelangt bis an den Ursprung, an dem er unschuldig war.

10. August 2007

Der Weg des Leidens

Gestern ergaben sich zufällig gleich zwei Gespräche, in denen es um Trennungen von Partnerschaften ging. Dabei fiel mir auf, wie bei diesem Thema automatisch Leiden mit hineinkommt, Leiden an Trennung wie auch Leiden an der Andersartigkeit des anderen, am Nichtverstehen und Sich-nicht-verständigen-Können, Leiden an verletzten Gefühlen, an Einsamkeit, Trauer und Bedauern. Ist das alles nicht zu vermeiden; ist das sozusagen der Preis dafür, sich voll auf das Leben und damit auch auf tiefere Begegnungen mit anderen einzulassen? Ist nicht das ganze Leben schon allein dadurch leidvoll, daß durch die körperliche Manifestation unvermeidbares Leid mit hereinkommt, bis hin zu Siechtum und verzweifeltem Sterben?

Meines Wissens liegt hier der Kern der Lehre Buddhas: daß jedes manifestierte Dasein stets unvermeidlich Leiden bedeute und daher möglichst zu überwinden sei — solange das nicht durch Gefühllosigkeit oder Tod gelöst werde, habe man sich wenigstens für die restlichen Erfahrungen innerlich davon abzulösen und es nur wie eine sinnlose Illusion, wie ein absurdes Theater an sich vorüberziehen zu lassen, dergestalt davon befreit und deshalb schon im Leben über das Leben triumphierend.

Ist Leben notwendigerweise auch Leiden? Bei der Frage von Beziehung und Beziehungstrennung erscheint es mir, als komme das Leid an einer Stelle mit herein, die leicht als unausweichlich, ja sogar als selbstverständlich genommen wird. Es bildet sich ein Arrangement heraus: Wer gemeinsam Freude erleben wolle, der müsse auch gemeinsam unschöne Erfahrungen durchmachen. Ohne dieses Arrangement scheint bei den allermeisten keine Beziehung möglich; so gesehen handelt es sich immer um ein festes Abkommen, also einen gemeinsamen Vertrag, und ob das mit Eheschließung einhergeht oder nicht, ändert daran kaum etwas. Bindung bedeutet: man könne nicht frei sein. Schon kommt Verpflichtung herein und kommt Handel herein, und dann ist der Ausweg, sich nur noch nach dem spontanen eigenen Gutdünken zu verhalten, bereits versperrt.

Genau so verhält es sich dann auch in der buddhistischen Perspektive mit dem ganzen Leben: wie mit einem Vertrag, der ernsthaft geschlossen wurde zwischen mir und dem Leben. Und dann hänge ich da drin und komme nicht mehr heraus, außer ich erhebe mich, Buddhas Rat folgend, darüber und weiche in Transzendentales aus.

Dieser "Weg des Leidens" scheint mir immer weniger Wahrheit zu sein und immer mehr bloß ein bestimmtes Konzept, eine bestimmte Weltsicht. Demnach ist die Welt schlecht und dumm, beschränkt, grausam, ungerecht, leidvoll. Was im letzten nur Illusion ist, kann ja nichts besonders Wertvolles sein. Bei beiden Beispielen, dem mit der Partnerschaft und dem mit dem Leben als Ganzem, zeigt sich immer, daß von einer Interaktion ausgegangen wird, von eben dieser Art Vertrag, bei dem ich Teil von etwas anderem oder auch etwas Größerem bin. In diesem Moment relativieren sich meine Interessen. Und in jüngster Zeit konnte ich mehrfach beobachten, wie genau dadurch die Freiheit geopfert wird und der Schlamassel anfängt.

Man könne nicht mehr Kind sein; man sei jetzt erwachsen und müsse als Erwachsener dann auch entsprechend Verantwortung übernehmen. Und so ist der Erwachsene nicht mehr nur sich selbst verantwortlich, sondern immer auch diesem größeren Ganzen gegenüber verantwortlich, diesem Bezug, in dem er steckt. Aber warum kann man nicht Kind bleiben oder wieder Kind werden — das Kind, das noch nicht spekulierte und überlegte, sondern spontan seinem Gutdünken folgte, ohne groß darüber nachzudenken und ohne gezwungen zu sein, sich wegen seiner spontanen Impulse vor irgendwem zu rechtfertigen?

Wird diese Möglichkeit — und wenn auch nur für Sekunden — von den üblichen Erwachsenen in Betracht gezogen, so kommt bei ihnen sofort Angst auf und sie wehren weiteres Nachdenken reflexartig ab. Ihr Selbstbild als anständiger, ernstzunehmender Bürger und als Mitglied einer größeren Gemeinschaft gerät hier für sie in akute Gefahr. Für mich fängt die Sache aber erst hier an interessant zu werden.

10. August 2007

Wieviele Welten?

In einem Raum sitzen drei Menschen, geprägt durch die übliche Weltsicht und das übliche Verständnis von sich selbst. So meint jeder von ihnen, es gäbe einerseits die objektive Welt um ihn herum und seine eigene Innenwelt. Preisfrage: Wieviele Welten stellen sich diesen drei Menschen dar? Eine (gemeinsame, große, alles umfassende), zwei (die alles umfassende Außenwelt und die eigene Innenwelt), drei (die Welt jedes dieser drei Menschen) oder vier (die Außenwelt und die insgesamt drei Innenwelten jedes einzelnen)? Oder gibt es noch eine andere Antwort?

10. August 2007

Zum Sinn von Eindeutschungen

Sprache würde sich von selbst regeln, quasi als chaotisch-anarchischer, sich selbst strukturierender Organismus, hatte ich bislang geglaubt. Aber es lohnt sich, noch einmal neu darüber nachzudenken. Die neuere Erkenntnis zum Thema lautet für mich: Sprache wird durch den Umgang mit ihr in jedem Moment neu geformt, gestaltet und mit Inhalt und Aussage gefüllt. Das bedeutet, daß jeder Deutsche, der mit Sprache umgeht (also auch ich), nicht nur mit teilhat, sondern auch mitwirkt an der Qualität und Aussagekraft seiner Muttersprache.

Besser verstanden habe ich den Zusammenhang erst, als ich erfahren habe, daß viele Begriffe, die uns heute besonders aussagekräftig und reich vorkommen, erst durch Eindeutschung von Fremdwörtern zustandegekommen sind. Hier ein paar Beispiele (entnommen aus einer Webseite von Detlev Mahnert):

Man sollte sich also nicht scheuen, englische Worte durch deutsche zu ersetzen (wie Detlev Mahnert in seinem Text empfiehlt). Und zwar vor allem deshalb, weil dem, was heute immer flacher, hohler und bedeutungsloser klingt (und nicht zufällig aus politischen und wirtschaftlichen Interessen sehr gerne zum Zweck der Vernebelung und Propaganda benutzt wird), auf diese Weise wieder die Festigkeit, Klarheit und Überzeugungskraft der deutschen Sprache (und Wesensart) zurückverliehen werden kann.

Natürlich schwimmt man damit voll gegen den Strom der heutigen Mode und rückgratlosen Anpassung. Aber was macht das schon? Denn im selben Moment holt man sich die Würde zurück, die den meisten Menschen schon längst verloren gegangen ist. Und wer darauf verzichten mag, sich diese Würde zurückzuholen, der soll gerne weiter darauf verzichten.

Diskutieren ist hier ohnehin sinnlos. Ich kann nur sagen: Man muß es selbst fühlen und erspüren, dann kommt man auch hinter den Unterschied.

7. August 2007

Hintergründe der Propaganda

Die meisten Mitbürger glauben immer noch, was ihnen in den Medien und von Politikern erzählt wird. Das bedeutet aber auch: Mit diesen armen Menschen kann man so ziemlich alles anstellen, was man nur will. Weil sie in ihrer Gutgläubigkeit nicht merken, was mit ihnen getrieben wird, kommen sie gar nicht auf die Idee, daß ein Großteil ihrer Überzeugungen, und vor allem ihrer ganz zentralen und grundlegenden Überzeugungen, vielleicht falsch sein könnte. Sie wissen (oder ahnen): Wer anfängt zu zweifeln, der kommt aus dem Zweifeln so schnell nicht wieder heraus — dann also besser erst gar nicht anfangen mit dem Zweifeln, um sich das, was noch schön und angenehm ist im Leben, nicht auch noch nehmen zu lassen.

Dabei sind gerade diese wohlmeinenden Menschen die am stärksten gefährdeten. Wie das alles zusammenhängt und wie nah uns gerade heute die Propaganda, die an Wahrheit nun wirklich gar nicht mehr interessiert ist, auf den Leib gerückt ist, das verdeutlicht ein außerordentlich lesenswerter Beitrag im P.M.-Magazin, der bereits im Frühjahr 2003 erschienen ist, aber heute noch viel aktueller ist als damals: Kriegspropaganda.

Wie schrieb Hitler 1926 in seinem berüchtigten Buch, wo er sein zukünftiges Vorgehen haargenau ankündigte?

"Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen auf die Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt ... Handelt es sich aber, wie bei der Propaganda für die Durchhaltung eines Krieges, darum, ein ganzes Volk in ihren Wirkungskreis zu ziehen, so kann die Vorsicht bei der Vermeidung zu hoher geistiger Voraussetzungen gar nicht groß genug sein. [...]
Die Aufnahmefähigkeit der großen Masse ist nur sehr beschränkt, das Verständnis klein, dafür jedoch die Vergeßlichkeit groß. Aus diesen Tatsachen heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur sehr wenige Punkte zu beschränken und diese schlagwortartig so lange zu verwenden, bis auch bestimmt der Letzte unter einem solchen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag."

Man muß also nur lange und oft genug von Terrorismus, Islamismus, Gefährdern und anderen Bedrohungen schwätzen, selbst wenn hier noch keine Opfer zu beklagen sind, und schon hat man nach eben diesem diabolischen Rezept die Saat gesät, die später als Kriegsbereitschaft und ausbrechender Haß in einem Volk aufgehen wird — einem Volk aus gerade solchen Wohlmeinenden und Gutgläubigen, die sich alles mögliche erzählen lassen und nicht zweifeln wollen, damit sie ihren spießigen und biedermeierlichen Seelenfrieden nicht verlieren.

Die Hauptfrage, die mich an alledem am meisten interessiert, lautet: Ist es möglich, einen Gegenpol von Intelligenz, Unterscheidungsvermögen, innerer Unabhängigkeit und Furchtlosigkeit zu finden und zu fördern, dem es gelingt, gegen die immer stärker werdenden Kräfte von geistiger und charakterlicher Plumpheit und Stumpfheit anzukommen?

4. August 2007

Die Normalität des Lügens

Wie wird sich wohl ein junger Mensch fühlen, der in einer Epoche wie der jetzigen aufwächst, in der immer mehr gelogen wird und die Wahrheit immer mehr vertuscht wird? Nach meinem Eindruck wird inzwischen mehr gelogen als in den letzten 100 oder 200 Jahren. Wenn Lügen normal ist, dann kann man ja alles machen; dann kann man z.B. auch, wie schon von politischen Kreisen vorgeschlagen wird, den Kindern im Biologieunterricht die biblische Schöpfungsgeschichte, ein offenkundiges Fantasiemärchen bzw. ein traditioneller Mythos (und mit seiner Erfindung des angeblichen "Sündenfalls" ein besonders unheilvoller noch dazu) als wissenschaftliche Tatsache andrehen.

Gedanken wie diese gehen mir beim Lesen des gestrigen Tageseintrags bei Theodor Ickler durch den Kopf. Dort steht auch:

Politik hat es nicht mit Wahrheit zu tun, das ist den Politikern im Laufe einer langen Karriere in Fleisch und Blut übergegangen: Alles ist Verhandlungssache. Gefragt ist nicht Wahrheitsliebe, sondern Kompromißbereitschaft. Auf dem altmodischen Wahrheitsbegriff bestehen nur Fanatiker. Das haben wir uns in verschiedenen Fassungen immer wieder anhören müssen. Die Journalisten waren die ersten, die diese Maßstäbe von den Politikern übernommen haben, dann kamen die Wissenschaftler.

Es lohnt sich, auch die anderen Kommentare zu lesen.

1. August 2007

eGovernment und eBürger

Vielleicht sollte ich eher schreiben: eCitizen. Denn es heißt ja auch eGovernment (seitens der Behörden, so z.B. die Selbstbezeichnung der Behörde bei meiner Benachrichtigung seitens des Finanzamtes), und Denglisch ist bekanntlich in diesem Land mittlerweile die dominierende Sprache.

Der eBürger oder eCitizen, das sind wir, die Untertanen des Obrigkeitsstaats. Leidtragender bin ich in diesem Fall noch einmal ganz persönlich dadurch, daß ich gewungen sein werde, als Softwareverantwortlicher mein Arztpraxisprogramm auf die kommende eGK (elektronische Gesundheitskarte) umzustellen, wobei es 1. wieder mal ein riesiger bürokratischer Unsinn werden wird und 2. meine Arbeit im wesentlichen unbezahlt vonstatten gehen wird, da in der Regel amtlich-behördliche Zwangserlasse nicht unbedingt zur Zahlungsbereitschaft der Kunden beitragen.

Ich schreibe aber darüber hier aus einem anderen Grund. Mir fällt zunehmend das dahinterstehende Handlungsmuster auf, das auch schon bei der sogenannten "Rechtschreibreform" zum Tragen gekommen ist. Es geht um den Machtkampf zwischen Obrigkeit und Bürgern. Der Obrigkeitsstaat kann es sich (speziell in Deutschland; da ist es immer auch so etwas wie Verteidigung einer Religion) nicht leisten, Fehler einzugestehen und "Maßnahmen" wieder zurückzunehmen. Selbst wenn er, wie bei der "Rechtschreibreform" ganz offensichtlich und von den meisten Beiteiligten auch insgeheim zugegeben, feststellt, daß er in die falsche Richtung galoppiert ist, wird er nichts Grundsätzliches mehr revidieren, weil er darin sofort einen möglichen Machtverlust wittert. Gerade darin unterscheiden sich auch Behörden und Regierungsinstitutionen von einfachen Menschen - zweitere bringen es zuweilen auch noch imstande, sich Irrtümer bewußt zu machen oder sogar zu bereuen.

Meine Prognose lautet, daß die eGK erst der Anfang des auf uns zukommenden totalen Überwachungsstaats ist. Ich schätze, daß in 20-30 Jahren derartige Chips, die die wesentlichen von der Obrigkeit gewünschten persönlichen Daten enthalten, nicht mehr nur in Plastikkarten, die bei jeder Gelegenheit vorzuzeigen sind, enthalten sein werden, sondern (das ist doch viel einfacher und praktischer) direkt in die Menschen eingepflanzt werden. In weiteren vielleicht 10-20 Jahren wird man diese Chips dann direkt ans Gehirn anschließen.

Es wird dann Menschen geben, die sich dagegen wehren. Und hier wird es zu einer großen Trennung kommen zwischen denen, die dem Regime gegenüber Wohlverhalten zeigen, und einer kleinen Handvoll Rebellen, die man wie Aussätzige behandeln und als erhebliche Gefahr einstufen wird.

Das ist nicht Science fiction, sondern das ist die logische und folgerichtige Weiterentwicklung, eben nicht nur der Technik, sondern der beschriebenen Machtlogik zwischen eGovernment und einfachem Bürger.

Nochmal zum Denglisch:
Die Fachleute sprechen schon gar nicht mehr Deutsch, sondern gleich nur noch Englisch, selbst wenn es Deutsche sind: Das passiert immer dann, wenn eine Sache in sich völlig hohl und nichtssagend geworden ist: CAST-Workshop - Biometrics and eCards.

31. Juli 2007

Die Nutznießer-Generation

Man kann sich wundern, weshalb sich das Volk so leicht zum einen seine Grundrechte zerstören und zum anderen sein Geld so leicht entwenden läßt. Aber es handelt sich ja auch um eine Generation, die Schlimmes wie z.B. den letzten Weltkrieg noch gar nicht erlebt hat. Die Rechte und der Wohlstand sind ihnen geschenkt worden; sie haben sie sich nicht erkämpft und erobert. Schwer gelitten haben ganz andere, und nur diese anderen können überhaupt schätzen, was Freiheit bedeutet — ja, und auch, was Gesundheit, Friede, Wohlergehen bedeuten. Wer sich im bequemlichen Konsum, wie ihn die Gehirnwäsche der Schönen Neuen Welt darbietet, immer mehr einlullen läßt — und gerade die Kinder wachsen ganz automatisch in diese künstliche, von der Natur schon längst weit entfernte Scheinwelt hinein —, der kennt nichts anderes und wird es auch gar nicht kennenlernen wollen. Daraus folgt zwangsläufig, daß sich die heutige Nutznießer-Generation des Wertes dieser Errungenschaften nicht voll bewußt sein kann.

Vielleicht muß es dann das Leben so einrichten, daß die ganze Bandbreite des Erlebens wiederhergestellt wird, damit man den Unterschied wieder erfährt, und somit auch wieder die Bedeutung gewisser Werte und Vorzüge. Wer dumm ist, muß offenbar betrogen werden, um aufzuwachen. Es wäre zu einfach, es sich nur gutgehen zu lassen, ohne etwas dafür zu tun.

31. Juli 2007

Zuschnüffeln und los zulegen

Stimmt es so?:

"Man mag gar nicht mehr aufhören ihm hinterher zuschnüffeln."
Die Welt, 5.9.2006

oder doch eher so?:

"...wie dem Wort fertigmachen, was bedeutet, jemandem hart zu zu setzen..."
Wormser Zeitung, 3.6.2005

Jedenfalls fordert Kulando jeden Blogger auf:

"Bitte wähle jetzt einen Blog um los zulegen:"

Dann legen wir also mal zu, äh, los!

31. Juli 2007

Wahlbetrüger Schröder

Man glaubt es kaum, wenn man heute diese Rede Schröders als Kanzlerkandidat [Webseite nicht mehr erreichbar; zum Glück aber noch im Web-Archiv vorhanden] liest: Da erweist sich alles von vorne bis hinten als Lug und Trug. Ich hatte selbst einmal - vermutlich sogar wörtlich - dieselbe Rede miterlebt und den Mann damals als glaubwürdig eingestuft, glaubwürdiger als seinen Vorgänger Kohl. Und ich hatte gehofft, es würde sich etwas ändern.

Stattdessen wurde der Neufeudalismus in die Wege geleitet mit seinem Abbau des Sozialstaats, aber nicht nur das, sondern seitens der SPD und der Grünen wurde Krieg, obwohl im Grundgesetz mit hoher Strafe untersagt, wieder hoffähig gemacht. Der Niedergang der deutschen Nachkriegsdemokratie - er wurde von diesem eitlen und dreisten Schwindler eingeleitet.

Aber ich muß mich an der eigenen Nase fassen, daß ich damals auf die leeren Versprechungen noch so naiv hereingefallen bin.

Und es ist genau dasselbe Spiel, das Politiker heute mit ihrem Publikum spielen, nur noch dreister, noch rücksichtsloser. Von Recht und Gerechtigkeit ist da nicht einmal mehr die Rede.


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